Zeitung Heute : Vom Spielball zum Mitgestalter

Hartmut Volk

Die rasanten Veränderungen der Arbeitswelt bringen immer mehr Berufstätige an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Mit verzweifelter Anstrengung versuchen die meisten, den Anforderungen irgendwie gerecht zu werden. Der Sindelfinger Weiterbildungsexperte Professor Kurt Nagel warnt vor allzu großen Erwartungen: "Berufstätige können sich im Hexenkessel des Veränderungsgeschehens nur dann erfolgreich behaupten", meint Ex-IBM-Manager, "wenn ihre Anpassungsgeschwindigkeit gleich oder größer als die Änderungsgeschwindigkeit ihres Umfeldes ist". Und Michael Kastner, Professor für Organisationspsychologie an der Universität Dortmund, befürchtet gar ein "Rennen à la Hase und Igel". Er hält es für unverzichtbar, bei gewollten und verlangten Veränderungen im Erwerbsleben "unbedingt die richtigen Anpassungsakzente" zu setzen: "Auf der emotionalen Ebene, also im Bauch-Bereich, müssen wir lernen, mit Unsicherheiten, Intransparenz und Ängsten zu leben. Auf der kognitiven Ebene, also im Kopf-Bereich, müssen wir lernen, mit Komplexität, Vernetzungen und Dynamiken umzugehen". Diese Anpassungsleistung setzt für Kastner die Aufgabe der bislang gewohnten eindimensionalen Denkmethoden voraus. Das Denken in gradlinigen Zweierbeziehungen nach dem Muster "wenn, dann" (lineares, binäres und kausales Denken) stamme "noch aus unserer Zeit als Jäger und Sammler". In einer multikausalen Welt, die von einer Vielzahl von Einflüssen beherrscht wird, haben solche "monokausalen Denkmaschinen" keine Chance mehr.

Hat Kastner Recht, bedeutet das für die Braunschweiger ärztliche Psychotherapeutin Herta Wetzig-Würth eine "erhebliche inhaltliche Erweiterung des Begriffs der beruflichen Qualifikation." Bislang wurde von den Berufstätigen erwartet, kompetent und konzentriert an ihren jeweiligen Aufgaben zu arbeiten. Heute verlangt die immer turbulenter und unübersichtlicher werdende Welt von den Erwerbstätigen die, wie Wetzig-Würth es nennt, "Fähigkeit zur Selbstregulation". Die Braunschweiger Psychotherapeutin: "Je besser es jemandem gelingt, durch Eigenaktivität Wohlbefinden zu erzeugen, desto stabiler wird seine Belastbarkeit und seine Leistungsfähigkeit." Der Schlüsselimpuls dazu sei Persönlichkeitsentwicklung.

Für Wetzig-Würth hieß Existenzsicherung früher vor allem "zu arbeiten", heute eher "an sich arbeiten, um weiter arbeiten zu können". Zuverlässig belastungs- und leistungsfähig, macht Wetzig-Würth klar, ist heute nur ein Mensch, der der Vertrauen zu sich und seinen Fähigkeiten hat: "Erst wenn ich weiß, wer ich bin, was ich will und was ich kann, höre ich auf zu reagieren und fange an zu agieren, habe ich die Möglichkeit, vom Spielball zum Mitgestalter der Ereignisse zu werden." Die Therapeutin: "Wer sich morgen noch behaupten will, sollte noch heute beginnen, sich um seine Persönlichkeitsentwicklung zu kümmern."

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