Zeitung Heute : Vom Star zur Sternschnuppe

Ist das Zukunftsunternehmen Intershop bald Vergangenheit?

Henrik Mortsiefer

Knapp ein Jahr ist es her, dass Stephan Schambach, Gründer des ostdeutschen Softwareunternehmens Intershop, die Wende ausrief: „Die schlechten Zeiten liegen hinter uns.“ Vor knapp einer Woche holte ihn die Wirklichkeit ein: Er trat als Vorstandschef zurück und ließ seinen Nachfolger Jürgen Schöttler mitteilen, dass Intershop in der schlimmsten Krise seiner Geschichte steckt und Geld braucht. Findet das einstige Vorzeigeunternehmen aus Jena bis Ende Juli keinen Investor, ist Schluss: Der letzte Stern der deutschen New Economy verblasst.

Nicht eben beruhigend für die rund 450 Mitarbeiter, von denen mehr als 200 entlassen werden sollen, wirkte am Donnerstag die Nachricht, dass auch der für den Vertrieb zuständige Vorstand aufgibt. Werner Fuhrmann, seit einem Jahr bei Intershop, ginge aus „persönlichen Gründen“, sagte eine Sprecherin wortkarg. Mit dem Rücktritt Schambachs habe die Personalie nichts zu tun. Wirklich nicht? Die Tatsache, dass sich der Internet-Pionier Schambach aus dem operativen Geschäft zurückzieht, ist ein verheerendes und demotivierendes Signal – für die Mitarbeiter, und für die Technologie-Branche.

Der gebürtige Jenaer verkörperte lange Zeit einen Unternehmertraum, der bis heute in Deutschland Seltenheitswert hat. Ein sehr junger, sehr mutiger Gründer aus Ostdeutschland, der Anfang der 90er Jahre wie selbstverständlich die Worte Internet und E-Commerce in den Mund nahm, als andere zum ersten Mal in ihrem Leben davon hörten. Das war neu und schien die bodenständige, deutsche Variante der versponnenen New Economy zu sein. „Wer in zehn Jahren noch etwas verkaufen will, muss im Netz sein“, sagte Schambach 1999 dem Tagesspiegel. Das war das Credo der Zeit: Ohne eine Verbindung ins Internet, verlieren Unternehmen den Anschluss. Im Boom glaubten daran fast alle und kauften in Jena die passende Software. Interaktive Warenhäuser wurden geplant, Plattformen für das große Geschäft geschaffen.

Aber das Geschäft war zu klein, es reichte nicht für alle. Als dann die Konjunktur zusammenbrach, blieb Intershop auf seiner Software sitzen. Selbst große Kunden wie Otto, BMW oder Tchibo halfen nicht. Jetzt macht es Intershop wie alle: Die Firma wird auf eine Größe geschrumpft, die zum Überleben reichen soll. Das Ende der Sanierung ist offen. „Es muss schnell gehen“, sagt der neue Vorstand. Diesmal könnte Intershop zu langsam sein.

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