Zeitung Heute : Vom Stoßen der Ellenbogen

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Was der Kanzler und England gemeinsam haben

Von Hellmuth Karasek

Fast gleichzeitig ging heute Mittag, es war kurz nach ein Uhr, die Rede des Bundeskanzlers Schröder auf dem SPD-Parteitag in Berlin und das WM-Spiel England gegen Schweden in Tokio zu Ende. Dank Phoenix einerseits und Premiere andererseits konnte ich beide Ereignisse parallel verfolgen: Eines gegen Gebühren im Hinterzimmer meines Sohnes, eines gebührenfrei vorne, wo Frauen und Politik noch zu ihrem Recht kommen. So will es die Familienpolitik, die Schröder heftig in seiner Rede beschwor.

Die Parallelen: England spielt in der wohl härtesten Vorgruppenrunde (Schweden, Nigeria, Argentinien), und Schröder steht vor dem härtesten Wahlkampf, er könnte der erste Bundeskanzler sein, der, wenn man den Wahlprognosen glauben darf, nach seiner ersten Amtszeit bereits wieder abgewählt werden könnte.

England spielte, übrigens mit einem schwedischen Trainer, 1:1, und es hatte, sieht man auf die zweite Hälfte und auf die letzte Minute, noch Glück dabei. Auch im Spiel zuvor erreichte Südafrika gegen Paraguay in letzter Minute, genauer: in der Nachspielzeit, durch einen (überflüssigen) Elfmeter das Unentschieden.

Schröder hat auch keine Zeit mehr zu verlieren, es steht schlecht, und statt eines Elfmeters hat er Möllemann, den er als „Fallschirmakrobaten“ kennzeichnete und der ihm in der Endphase die Chance zu einem entscheidenden Strafstoß geben könnte.

Die Engländer und Schweden kämpften hart, schlugen aber keine hohen Flanken (was andere Mannschaften so meisterhaft beherrschten). Der Bundeskanzler badete in wohltuend lauem Applaus – und einmal berührte seine Anfeuerungsrede den zurzeit alles beherrschenden Fußball, dass in unserer Gesellschaft Solidarität mehr zählen solle, als das „Stoßen der Ellenbogen“. Die sind, in der Tat, beim WM-Fußball auch ein großes Problem.

Doch auch zum Schluss, als er die Endphase des Wahlkampfs einläutete, bemühte Schröder einen Sportvergleich: „Es kommt nicht darauf an, wer zuerst losläuft, sondern wer zuerst zum Ziel kommt.“

Im Fußball heißt das, immer noch: Der Ball ist rund, und Deutschland hat 8:0 gewonnen. Trotz aller Prognosen. Und das lässt hoffen. Es lebe das Zappen!

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