Zeitung Heute : Vom Urknall ins Weltall

Weltweit stellen immer mehr Unis Lernmaterial aus den verschiedensten Wissensgebieten kostenlos ins Internet

Andreas Monning

Basiswissen über die französische Revolution, ein Kurs zu „Managing Relationships“ oder eine Einführung in die Softwareentwicklung von Enterprise-Systemen gefällig? Auf den Internetseiten der mit 200 000 Studierenden größten europäischen Fernhochschule Open University gibt es zu diesen und zahlreichen anderen Themen Lernmodule auf akademischem Niveau – frei zugänglich und völlig kostenlos. Das attraktive Angebot wird kontinuierlich ausgebaut, bis April 2008 wollen die Briten auf der Hochschuleigenen Plattform „OpenLearn“ rund 5400 Stunden Lernmaterial auf Einsteiger- bis Postgraduiertenniveau zur Verfügung stellen.

Begriffe wie „Open Learn“ oder „Open Education Resources“ stehen für einen globalen Trend: Weltweit nutzen bereits zahlreiche Hochschulen die Möglichkeiten der neuen interaktiven Techniken und Dienste des Internets, um kostenfreie Lernbereiche anzubieten. Sechs japanische Universitäten beispielsweise haben die frei zugängliche Plattform „Japan OCW Alliance“ geschaffen. Unter „University Surf“ findet sich ein virtueller Campus französischer Universitäten. Und sogar das renommierte Massachusetts Institute of Technologie (MIT) in Boston ist mit seiner kostenlosen „OpenCourseWare“ mit von der Partie. Dem internationalen Zusammenschluss „OpenCourseWare Consortium“ (OCWC) gehören über hundert Hochschulen an, die zusammen tausende kostenloser Kurse anbieten, eng verknüpft mit neusten Begleittechniken des E-Learnings.

Die Motivation, mit viel Zeit- und Geldaufwand Non-Profit-Angebote zu schaffen, erklärt OpenLearn-Direktor Andy Lane mit der „Philosophie, Wissen für alle verfügbar zu machen“: Viele Millionen Menschen weltweit sollten zukünftig an dem teilhaben können, was bisher einigen hunderttausenden vorbehalten sei – und zwar unabhängig vom aktuellen Bildungsstand und finanziellen Möglichkeiten. Da die internetbasierten „Open Education Resources“ sowohl in pädagogischer als auch in technischer Hinsicht Neuland beschreiten, bieten sie den Hochschulen allerdings auch ein willkommenes Experimentierfeld: Das „Centre for New Media“ am Knowledge Media Institute der Open University beispielsweise erprobt aktuelle Forschungsergebnisse in der Praxis. Vom chatbasierten Austausch mit Dozenten über virtuelle Lerngruppen bis zu Videologs (Vlogs) kommen so neuste Kommunikationsformen in den Praxistest. Mit Unterstützung dieser Mittel, so die Hoffnung der Betreiber, müsste im Prinzip jedermann von überall auf der Welt in der Lage sein, sich die drei bis 15 Stunden langen Lerneinheiten zu erschließen – sofern er oder sie der englischen Sprache mächtig ist.

Deutsche Fernhochschulen sucht man unter den Mitgliedern des OCW Consortiums allerdings vergeblich. „Die Deutschen Fernhochschulen arbeiten vornehmlich im Bereich Weiterbildung und verdienen hier ihr Geld“, erklärt Sandra Bräutigam, am Fernstudieninstitut (FSI) der Technischen Fachhochschule Berlin (TFH) für Studienkoordination und Entwicklung verantwortlich. Dazu brauche es selbsterklärende, didaktisch aufwändig aufbereitete Materialien, die sehr teuer seien. „Wer die gratis herausgibt, schneidet sich ins eigene Fleisch.“

Anders als die international ausgerichtete „Konkurrenz“ könnten weder die Deutschen Fernhochschulen noch die Deutschen Hochschulen überhaupt auf bemerkenswerte PR- und Werbeeffekte durch derartige Angebote hoffen, erläutert Bräutigam weiter. Während Institutionen wie die englischsprachige Open University durch kostenlose „Lockangebote“ weltweit neue Interessenten würben, beschränke sich das Akquirierungsfeld der Deutschen Fernhochschulen eben auf Deutschland, das überschaubare deutschsprachige Ausland und die wenigen im Ausland lebenden Deutschen, die von dort aus das Angebot der bundesrepublikanischen Fernunis in Anspruch nähmen. „Unter dem Strich gäbe das ein klares Minus, das sich keiner leisten kann.“

Richtig ist, dass vor allem das Angebot der Open University unter Ausnahmebedingungen entstanden ist. Zu beachtlichen staatlichen Fördersummen gesellt sich die Spende einer Privat-Stiftung von über 5,65 Millionen britischen Pfund – eine finanzielle Ausstattung, von der Deutsche Fernhochschulen nur träumen können. Lediglich Deutschlands einzige staatlich finanzierte und mit 43 000 Studierenden größte Fernhochschule, die Fern-Universität in Hagen, könnte eine Ausnahme bilden.

Die am Südrand des Ruhrgebietes gelegen Hochschule hat eine deutlich europäische und internationale Ausrichtung von Lehre, Studium und Forschung. Sie entfaltet ihre Aktivitäten in einem Netzwerk von internationalen Kooperationen, Mitgliedschaften und Kontakten mit internationalen Organisationen und ausländischen Institutionen. Sprecherin Susanne Bossemeyer sieht die Hagener Hochschule deshalb im besonderen Maße vom Trend zu „Open Education Resources“ betroffen, winkt bei Fragen nach konkreten Schritten in diese Richtung jedoch noch ab. „Wir müssen erst Geschäftsmodelle entwickeln, um uns in diesen Bereich vorzutasten. Da sind vor allem Fragen bezüglich der Datenverarbeitung-Technik und der Urheberrechte zu klären.“ In absehbarer Zeit wolle man zwar ein Angebot kostenloser und frei zugänglicher Kursmaterialien schaffen. Diese sollen Studieninteressierten allerdings lediglich Einblicke gewähren, ganze Kurse zur Verfügung zu stellen sei vorerst nicht geplant. „ ,Open Education Resources‘ könnten in Zukunft ein Thema werden, momentan steht das bei uns nicht zur Debatte.“

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