Zeitung Heute : Von Australien nach Buch

Die Berliner Kliniken behandeln pro Jahr 1300 Patienten aus dem Ausland. Es sollen noch mehr werden

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Von Friedrich Geiger Der 22-jährige Australier Michael MacDonald aus Melbourne litt unter ständigen Schmerzen in der Brust. Beim Sport bedrückte den Karatekämpfer zudem Kurzatmigkeit. Der Grund war seine so genannte Kielbrust. Seine Rippen ragten wie ein Schiffskiel aus dem Brustkorb heraus. Zunächst suchte er in seiner Heimat nach einem Chirurgen, der auf den notwendigen Eingriff spezialisiert wäre. Doch der erfahrenste Arzt, den er fand, kam nur auf vier solcher Operationen.

Im Internet stieß MacDonald schließlich auf das Helios Klinikum Berlin-Buch. Der Chefarzt der Kinderchirurgie, Klaus Schaarschmidt, entwickelte vor fünf Jahren eine neue, schonende Methode zur Korrektur der Kielbrust und führte seither etwa 50 dieser Eingriffe durch.

Im Dezember operierte der Chirurg den Australier. Zehn Tage später verließ MacDonald das Krankenhaus und brach zu einer Rundreise durch Europa auf. „Es war wohl das erste Mal, dass jemand aus Australien zu uns kam“, berichtet der Sprecher der Klinik, Hermann Müller.

Weitaus häufiger behandeln die Berliner Krankenhäuser Araber und Russen. Die Charité zählt jährlich mehrere hundert Ausländer zu ihren Patienten, berichtet der Leiter der Abteilung Charité International, Thomas Feindt. Tendenz steigend. Genaue Zahlen will er aber nicht nennen, denn „wir stehen im Konkurrenzkampf mit anderen Krankenhäusern“.

Die russischen Gäste schätzen vor allem die Direktflugverbindungen, berichtet Feindt. Aber auch bei den arabischen Patienten erlebt er seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ein zunehmendes Interesse. Die verschärften Einreisebestimmungen in die USA schreckten viele ab, deshalb kämen sie lieber nach Deutschland.

Im arabischen Raum sind in den vergangenen Jahren zwar mehrere hochmoderne Krankenhäuser entstanden. Feindt glaubt gleichwohl nicht, dass der Zustrom arabischer Patienten nach Berlin abreißt: „Das Vertrauen in die eigenen Ärzte ist dort nicht besonders hoch.“ Die arabischen Länder hätten sich nicht innerhalb weniger Jahre das Fachwissen aneignen können, das die Charité in 300 Jahren gesammelt habe. Rund 1300 Patienten mit ausländischem oder unbekanntem Wohnsitz behandeln die Berliner Krankenhäuser pro Jahr stationär.

Das Deutsche Herzzentrum hat im vergangenen Jahr mehr als 500 ausländische Patienten behandelt. Verwaltungsdirektor Thomas Michael Höhn führt das auf das hohe Renommee seiner Klinik zurück: „Es gibt vielleicht drei oder vier Kliniken weltweit, die sich auf diesem Level bewegen.“ Viele kämen, um von Klinikdirektor Roland Hetzer operiert zu werden. Auch der ehemalige russische Präsident Boris Jelzin ließ sich von Hetzer untersuchen.

Ausländische Patienten tragen etwa fünf Prozent zum Umsatz des Herzzentrums bei. Im vergangenen Jahr registrierte die Klinik Patienten aus 48 Ländern. Die meisten kamen aber auch hier aus der ehemaligen Sowjetunion und aus arabischen Ländern.

Trotzdem haben die Berliner Kliniken noch Aufholbedarf bei der Behandlung ausländischer Patienten. Das meint zumindest der ärztliche Direktor der Klinik für Minimalinvasive Chirurgie, Omid Abri: „Wir haben ganz hervorragende Ärzte in Berlin, aber die Amerikaner und Engländer sind auf diesem Gebiet aktiver.“ Die Berliner Krankenhäuser hätten die Entwicklung der vergangenen Jahre etwas verschlafen.

Auch Hans-Jochen Brauns vom Network for Better Medical Care (siehe Kasten) meint, dass sich die Krankenhäuser noch stärker um ausländische Patienten bemühen könnten. Den Grund dafür, dass sie es bisher nicht in dem möglichen Umfang taten, sieht er in dem Strukturwandel, den das Berliner Gesundheitswesen in den vergangenen Jahren durchgemacht hat. „Niemand hatte den Kopf frei, um sich darum zu kümmern“, sagt Brauns.

In anderen deutschen Städten bemühen sich die Krankenhäuser schon seit längerem um ausländische Patienten. Allen voran die Münchener Kliniken. Sie sind Brauns zufolge besonders bei Arabern beliebt, weil die Stadt durch Direktflüge mit dem nahen Osten verbunden ist. Seit Dezember ist aber auch Tegel nonstop von Katar erreichbar. Russen wiederum lassen sich besonders gerne in Baden-Baden behandeln. Das hat Tradition: Im 19. Jahrhundert weilte dort schon der Dichter Fjodor Dostojewski.

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