Zeitung Heute : Von den Griechen lernen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

Paulos hellenaios legei, kai ou patera. Behauptet er zumindest, der Vater kann es ja nicht nachprüfen: Paul spricht griechisch, der Vater nicht. Ersteres ist dokumentiert durch eine Drei auf dem Halbjahreszeugnis, zweiteres nicht mehr zu ändern, und wenn, dann nur gegen den ausdrücklichen Willen des Vaters. Und gegen den von Paul. So ein Pubertist freut sich ja, wenn da schon wieder etwas ist, worin er den Vater übertrumpfen kann. Im Größenwachstum ist das schon längst geschehen, gehörte aber nicht viel dazu, wie die Mutter immer sagt. Ha, ha, sagt der Vater dann. Ohnehin hat der Vater zunehmend den Eindruck, immer weniger zu bestellen zu haben beim Pubertisten, allenfalls als Dienstleister. Mitunter ist es schon eine echte Tragödie.

„Griechische Tragödie“, sagt Paul, „Tragödie heißt übrigens Bocksgesang und ist der Gesang, der für den als Opfertier sterbenden Bock angestimmt wird.“ Ha, ha, hatte der Vater mal wieder gesagt.

Und sich dann doch wieder geopfert, als Dienstleister Paul und Mitpubertist Jonas zum Fußball zu fahren, ein Freundschaftsspiel, nichts bei dem man zuschauen musste.

„Paul“, hast du deine Tasche gepackt“, hatte die Mutter gefragt, „hast du alles, nichts vergessen?“ Nerv’ nicht, antwortete Paul, nerv’ nicht, natürlich habe ich alles.

Matsch regnete es. Kalt war es. Dann kamen die drei am Fußballplatz an, irgendwo am anderen Ende der Stadt, der Rest der Mannschaft wartete schon, als Paul beiläufig einfiel, seine Sporthose vergessen zu haben, „oh“, sagte Jonas, „ich auch.“ „Paul“, sagte der Vater, „griechische Tragödien zeigen unvermeidliche Konflikte und du steuerst gerade auf einen zu.“ Aber das half auch nichts mehr, der Vater musste noch einmal nach Hause fahren, Hosen holen, noch einmal zurückfahren zum Fußballplatz, Hosen bringen. Im Auto lag ein Paket, das hätte eigentlich zur Post gemusst, das kam nicht zur Post. In der Manteltasche steckte ein Einkaufszettel fürs Abendessen, es gab dann nur Brote. Der Vater sagte, dass er jetzt doch wohl nicht noch einmal heimfahre. Der Vater schaute zu beim Fußballspiel. Es regnete Matsch, auf den Kopf, in den Kragen. Anschwellender Bocksgesang, grummelte der Vater.

„Aristoteles sagt“, sagte Paul, „dass die griechische Tragödie kathartische Wirkung hat, reinigende also.“ Klugscheißer, dachte der Vater. Der Matsch, der vom Himmel fiel, war nicht rein, der war nass und kalt. Dienstleister haben nicht zu klagen.

Es war später am Abend dann aber so, dass der Vater doch noch ein wenig triumphieren konnte. Das Buch „Hellas“, Pauls Lehrbuch des Griechischen, enthält nämlich viel Kluges und Lehrreiches. Und als der Vater auf den Spuren des Sohnes durch „Hellas“ blätterte, fand sich ein wunderschöner Satz. „Neou esti polla mantanein.“ Und das sagte er dann auch zu Paul. „Ja, ja“, sagte Paul, „es ist wirklich eine Tragödie.“ Neou esti polla mantanein, genau, es ist Pflicht eines jungen Mannes, viel zu lernen. Hi, hi, sagte der Vater.

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