Zeitung Heute : Von den Kinderkrankheiten geheilt

Als die drei Webdesignerinnen „etuipop“ gründeten, ging es mit der New Economy bergab. Ausgerechnet da beginnt ihre Erfolgsgeschichte

Antje Kraschinski

Der Niedergang der New Economy hat schöne Gesichter. Zum Beispiel die der drei Frauen von „etuipop“ aus Berlin. Claudia Heynen (38), Birgit Karn (35) und Monika Krüger (39) sitzen an einem langen Küchentisch in ihrem Kreuzberger Büro und lächeln still vor sich hin. Nicht, weil die Hoffnungen vieler anderer Start-up-Unternehmen unerfüllt blieben, sondern weil sie gerade den mit 2500 Euro dotierten Preis „literatur digital“ – vergeben vom Deutschen Taschenbuchverlag und T-Online – gewonnen haben. Ihre Umsetzung des Hörspiels „marbel und matrikel“ in die Bildsprache des World Wide Webs konnte sich unter den insgesamt fünfzig eingereichten Beiträgen durchsetzen. Neben dem „originellen Hypertextsetting“ besteche der Beitrag „vor allem durch die kluge Sparsamkeit seiner audiovisuellen Stimmungsbilder“, hieß es in der Begründung der Jury.

Wie reagieren die drei auf das Lob? „Wir freuen uns“, sagt Claudia Heynen ruhig: „Feedback ist immer schön.“ Und bei der Frage, wie lange sie an der Internetversion von „marbel und matrikel“ gearbeitet haben, kommt als Antwort nur ein kurzes „Das war ein langer Prozess“ und mit einem Lächeln: „Ja, bis die Grundidee da war, das hat gedauert.“ Die Bescheidenheit der kreativen Frauen ist durchaus symptomatisch für die Lage der Branche – nach dem Hype der neunziger Jahre sind jetzt Ruhe und Realitätssinn gefragt.

Im Büro ist es gemütlich warm. Ein großer, weißer Raum unter dem Dach, kaum Möbel, kein Papier, nur ein kleines Regal voller CDs hängt an der Wand. In der Mitte sind drei Schreibtische zusammengeschoben, ein Computerpool, an dem die Ideen der drei Frauen zusammenfließen. Erfolgreich zusammenfließen. Seit der Gründung der eigenen Agentur wurden unter anderem Internet-Präsenzen für eine Modefirma, mehrere Architekturbüros und ein Musiklabel entwickelt. Sogar ein paar richtig große Referenzkunden gehören inzwischen zur Kundenkartei: Unter anderem der ORB, hier wurde ein virtueller Rundgang durch das Potsdamer Sendergelände und die Studios realisiert. Auch für die Berliner Börse wurden die drei vom Web inzwischen aktiv. Nicht als Aktionäre und auch nicht als dort notiertes Unternehmen, sondern ebenfalls mit einer Webpräsenz. Oder für Tita von Hardenbergs ARD-Sendung „Polylux“, für die sie die Webseiten gestaltet haben, wiederum mit ihrer so speziellen Handschrift, in der sich ausdrückt, dass alle drei bereits zuvor ein ganz anderes Berufsleben hatten: als Trickfilmzeichnerin, Modedesignerin, Grafikerin und Fotografin.

Birgit Karn fing nach einem abgebrochenen Lateinamerikanistik-Studium bei einer Berliner Filmproduktion an. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Trickfilmzeichnerin, jahrelang malte sie Figuren für das „Sandmännchen“ und andere Kindercartoons. Nachdem sie 1996 eine Tochter zur Welt brachte und auch zu Hause alles voller Plüschtiere war, hatte sie genug: „Ich wollte weg von diesem Kinderkram, den niedlichen Figuren. Ich wollte etwas für Erwachsene machen, eigene Sachen entwickeln.“ Jetzt zeichnet sie Bilder für Internetauftritte, neben der klaren Schriftgrafik und den modischen Farbgebungen ein besonderes Gestaltungselement bei „etuipop“.

Auch Monika Krüger begann nach dem Abitur ein geisteswissenschaftliches Studium, wechselte dann aber zum Lette Verein, wo sie sich zur Modedesignerin ausbilden ließ. „Das Handwerk hat mich gereizt, aber eigentlich war Modedesign nie meine Leidenschaft“ , sagt sie rückblickend.

Nur die Dritte im Bund, Claudia Heynen hat schon früher Layouts entworfen und Ideen bildlich umgesetzt, allerdings noch ganz ohne Computerunterstützung. In den achtziger Jahren hat sie Kommunikationsdesign studiert. Anschließend „habe ich mich als freiberufliche Fotografin und Grafikerin durchgeschlagen. Ende der neunziger Jahre merkte ich: Ohne PC-Kenntnisse geht es nicht mehr weiter .“ Kennen gelernt haben sich die drei 1998. Bei einem vom Arbeitsamt geförderten einjährigen Lehrgang zur Multimedia-Designerin drückten sie gemeinsam noch einmal die Schulbank. Was sie verband, waren klare Vorstellungen und ein starker Wille. „Wir wollten bewusst ein neues Handwerk erlernen, um unsere kreativen Fähigkeiten weiterzuentwickeln“, sagt Claudia, und Birgit ergänzt: „Wir drei haben unsere ganze Kraft darauf verwendet, unser Leben umzugestalten.“ Und Monika fand endlich ihre Leidenschaft: „Als ich die Ausbildung zur Multimedia-Designerin begann, war das wie mein Coming-out.“

Am Ende des Kurses zögerten sie nicht lange und beantragten ein Existenzgründerdarlehen bei der Investitionsbank Berlin. Nur ließ das Geld lange auf sich warten und Privatvermögen hatten die drei nicht. Also ging es mit einer Minimalausstattung los. Das Büro in Kreuzberg war schnell gefunden, die alten Heimcomputer mit noch älterer Software kamen auf provisorische Schreibtische, ein paar Türblätter auf Ikea-Böcken. Im April 2000 wurde die Firma offiziell gegründet: „etuipop – Das Büro für Bildschirmgestaltung´.“ Der Name ist ein reines Zufallsprodukt, beim wahllosen Tippen auf der Tastatur entstanden. „Plötzlich stand das Wort da und wir dachten, das wäre doch ein toller Name für uns“, sagt Monika.

Nach zwei Jahren kann sich die Bilanz von „etuipop“ sehen lassen: 3. Platz beim Wettbewerb um den Designpreis Brandenburg 2001, Nominierung für den „Grimme-online Award“ und nun der Preis von „literatur digital“.

Inzwischen ist der Kredit von der IBB längst überwiesen, die Computer sind auf dem neuesten Stand, viele Aufträge wurden erledigt, aber die Schreibtische sind noch immer dieselben. Täglich fragen Praktikanten an, die bei der Firma mit dem guten Ruf mitarbeiten wollen. „Da müssten wir erst mal einen vierten PC kaufen“, sagt Claudia und schaut aus dem Fenster. Irgendwie klingt das nicht so, als ob das eine Frage des Geldes sei. Vielleicht wollen die drei aber auch lieber unter sich bleiben. Die Verbindung von Kreativität und Harmonie ist eben sehr individuell.

Mehr zum Thema unter:

www.etuipop.de

www.marbelundmatrikel.de

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