Zeitung Heute : Von den Rechten der Schäferhunde Was freigelassene Häftlinge über Guantanamo erzählen

Matthias Thibaut[London]

Die beiden Männer im Fernsehen haben diese Art in sich hineinzulächeln, als wüssten sie mehr, als sie sagen. „Weil wir Amerikaner sind, misshandeln wir Menschen nicht, die in unserer Obhut sind“, beteuerte der amerikanische Außenminister Colin Powell im britischen Sender ITV. Zuvor hatte der britische Guantanamo-Heimkehrer Jamal Al-Harith dem Sender anderes berichtet. „Nach einer Weile hörten wir auf, nach Menschenrechten zu fragen.“

Auch Al-Harith lächelt, wenn er über seine Erlebnisse in Guantanamo spricht, als habe ihm all das nichts anhaben können. Ein bisschen wie ein Geistlicher sieht er aus mit seinem Fes, dem Ziegenbärtchen und den leuchtenden Augen. In Camp X-Ray, erzählt er, war neben seinem Käfig ein Zwinger mit einem Schäferhund. „Der hatte ein Häuschen mit Klimaanlage und einer Wiese als Auslauf. Ich sagte zu den Wächtern: ,Seine Rechte will ich haben’ und bekam als Antwort: ,Dieser Hund ist Mitglied der US-Armee.’“

Jetzt will er die USA für zwei verlorene Jahre verklagen. „Sie haben mir die Freiheit genommen, mich verhört und gefoltert, und dann ließen sie mich ohne ein Wort der Entschuldigung laufen.“ Verbittert wirkt er nicht. Dem „Daily Mirror“, gab er für umgerechnet 90000 Euro ein Interview. 40 Mal sei er verhört worden, mit einem Ring am Boden festgekettet. Prostituierte seien ins Lager geführt worden und hätten gläubige Muslime provoziert und gedemütigt.

Von den fünf britischen Guantanamo-Häftlingen, die letzte Woche nach Hause geflogen wurden, wirkt Jamal Al-Harith, als habe er die weiteste Reise hinter sich. Einst hieß der Sohn einer christlichen Einwandererfamilie aus Jamaika Ronald Fiddler. Als junger Mann konvertierte er zum Islam. Und drei Wochen nach dem 11. September 2001 habe er sich mit dem Rucksack nach Pakistan aufgemacht, um „muslimische Kultur und den Koran zu studieren“. Auf der Rückreise durch Afghanistan sei er wegen seines britischen Passes von den Taliban als Spion verhaftet worden, sagt er, schließlich nahmen ihn die Amerikaner fest.

Al-Harith ist mit 37 der älteste von neun Briten, die nach Guantanamo gebracht wurden – vier sind noch dort. Einer der Rückkehrer, Tarek Dergoul, 24, ein Sozialarbeiter aus London, soll bei Tora Bora verwundet worden sein. Die Amerikaner mussten ihm offenbar einen Arm amputieren. Von ihm ist nur die Erklärung seiner Rechtsanwältin bekannt geworden. „Seine Familie glaubt, dass seine geistige Gesundheit durch das erlittene Trauma schwer beeinträchtigt ist.“ Von Folter, Verhören mit vorgehaltener Schusswaffe, unmenschlichen Haftbedingungen und „medizinischer Pfuscherei“ ist die Rede.

Der jüngste Heimkehrer ist Asif Ikbal, 22. Als Kind ging er zusammen mit den letzten beiden der fünf – Ruhal Ahmad, 22, und Shafik Rasul, 26 – in die Herz-Jesu-Schule im mittelenglischen Tipton, danach jobbte er in einer Fabrik. Nach Pakistan sei er mit seinen Freunden gegangen, um nach einer Frau zu suchen. Als der Krieg begann, seien sie nach Afghanistan gereist, um Lebensmittel und Arzneien für arme Afghanen zu kaufen. Dann seien sie unter die Gefangenen von General Dostum geraten. „Sie waren keine Kämpfer. Sie waren nie in der Nähe eines Schlachtfelds, sie saßen nur in Kundus fest, als es belagert wurde“, sagt ihre Anwältin Gareth Peirce.

Auch die „Tipton 3“ berichten über Hunger, Kälte, Schläge und stundenlange Verhöre. Die USA behaupteten, die drei auf einem Bin-Laden-Video identifiziert zu haben. Als der britische Geheimdienst bewies, dass sie zu diesem Zeitpunkt in England waren, wurde die Behandlung besser. „Sie versuchten geradezu verzweifelt, Informationen aus uns herauszuholen. Einer sagte: ,Ich bin von der CIA, ich kann dir alles besorgen. Willst du Cola? Ice-Cream?’“. Zum Schluss gab es Hamburger vom Guantanamo-McDonald’s.

Eine Tragödie, eine Farce? Vermutlich ein wenig von beidem. Auch Haji Osman kam – als einer von 23 Afghanen – frei. Ihm hat es in Guantanamo gefallen, er hatte eine Klimanlage und zu essen. Folter habe es bei ihm nicht gegeben. „Verglichen mit dem Leben in meinem Dorf war es gut, außer das wir nicht frei waren“, sagte er zurück in Kabul. Er würde gerne wieder in die USA. Er hatte die ganze Zeit gedacht, er sei dort gewesen.

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