Zeitung Heute : Von der Bundesliga spricht in Frankreich kaum einer

MICHAEL ROSENTRITT

PARIS .Auch wenn es mancher in Deutschland nicht so recht wahrhaben will: Es wird auch dieser Tage in Frankreich weiter Fußball gespielt.Und das, wie sich bis in die deutschen Fußballstuben herumgesprochen haben sollte, nicht so schlecht.Nun läßt sich trefflich darüber streiten, ob nun anstelle der Kroaten vielleicht besser Nigeria oder England, Spanien oder Argentinien im Halbfinale hätte stehen sollen.Dennoch, die vier Mannschaften, die bis gestern übriggeblieben waren bei diesem Weltturnier, haben es sich erspielt.Auffallend ist, daß bei diesen vier Halbfinalisten so gut wie kein Stammspieler sein Geld in der Bundesliga verdient; abgesehen vom Kroaten Zvonimir Soldo (VfB Stuttgart) und dem kleinen Bixente Lizarazu (Bayern München), der im Team der Franzosen bisher eine recht ordentliche WM gespielt hat.

Mit anderen Worten: Von den Deutschen und von deren Bundesliga ist hier in Frankreich kaum die Rede.Was auch logisch ist.Kein einziger Weltmeisterschafts-Star oder auch nur ein halbwegs aufblitzendes Sternchen verdient sich sein Brötchen Mark um Mark.Lediglich ausländische Nebendarsteller hatten oder haben ihren Arbeitsplatz zwischen Hamburg und München.Wo die Ronaldos, Desaillys und Bergkamps ihrem saisonalen Fußwerk nachgehen, wird mit großen Scheinen gezahlt.In der italienischen Serie A, der spanischen Primera Division oder der englischen Premier League beispielsweise.

Immerhin 35 ausländische Fußballprofis der Bundesliga waren in Frankreich angetreten.Doch es sollte nur wenigen vergönnt sein, ihr Nationaltrikot überzustreifen.Lediglich 18 von ihnen zählten zur Stammformation.Jonathan Akpoborie gar, ein in der Bundesliga angesehener Stürmer, wurde vom nigerianischen Verband erst gar nicht nominiert.Ein anderer, dazu ein ausgemachter Bundesliga-Star, um den sich auch schon Bayern München bemühte, dürfte derzeit irgendwo in der Sonne liegen.Der Bulgare Krassimir Balakow, beim schwäbischen VfB unter Vertrag, erlebte mit seinem Ensemble derart traurige WM-Stunden, daß ihm die Lust am Fußballspielen vergangen sein müßte.

Welche Rolle spielten sie schon, die Alphonse Tchami (Kamerun/Hertha BSC), Andreas Herzog (Österreich/Werder Bremen), David Regis (USA/Karlsruher SC) und Kjetil Rekdal? Letzterer, sogar Kapitän bei Hertha BSC, durfte immerhin einen Elfmeter gegen die Brasilianer ins Netz dreschen, der Norwegen vor dem vorzeitigen Sturz bewahrte.Aber sonst? Im gestrigen Halbfinale zwischen Holland und Brasilien stand nicht ein einziger Bundesligaprofi in der Anfangself.

Die Bundesliga ist acht Jahre nach dem deutschen Weltmeisterschafts-Triumph auf römischem Rasen eine Klasse ohne Klasse.Und das dürfte auch bei der laufenden Weltmeisterschaft so bleiben.Bezeichnenderweise stürmt der deutsche Rekordmeister Bayern München mit dem Iraner Ali Daei und dem von Brasiliens Nationaltrainer Mario Zagallo erst gar nicht in die Auswahl des viermaligen Weltmeisters berufenen Giovane Elber in die kommende Saison.Man darf gespannt sein, wen uns "ran" demnächst als großen Star verkaufen wird.Wie wäre es mit dem Südafrikaner Delron Buckley vom VfL Bochum?

Nun werden die Bundesligavereine nicht soviel Geld zusammenramschen können wie Arsenal, Mailand, Turin oder Real, um die wirklich Großen dieser Fußballwelt unter Vertrag zu nehmen.Angesichts der Tatsache, daß einerseits die deutschen Klubs diesen Wahnsinn nicht mitmachen, andererseits nur mittelmäßige Spieler aus dem Ausland für sich spielen lassen können, sollte es sich mittlerweile doch wieder lohnen, auf den eigenen Nachwuchs zu bauen.Ein DFB-Arbeitspapier mit dem Kampftitel "Maßnahmen zur effektiven Talentsichtung und -förderung" gibt es bereits.Namhafte Beispiele gibt es auch, wenngleich noch anderswo: Ein Michael Owen (18) oder Paul Scholes (23) kann aber nur dann kommen, wenn die wegbleiben, die jetzt in Frankreich auch nicht mehr dabei sind.

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