Zeitung Heute : Von der Cebit zur Tebit

DANIEL WETZEL

Die Cebit ist die weltgrößte Messe überhaupt.Die Besucher beklagen, sie sei zu unübersichtlich.Es wird wieder Zeit für eine Zellteilung.Die Telekommunikation sollte ihre eigene Leistungsschau bekommen.VON DANIEL WETZELDie Computermesse Cebit 98, die heute ihre Tore für das Computer-Fachpublikum öffnet, platzt aus allen Nähten.Mehr als 7200 Aussteller zeigen auf dem Hannoveraner Messegelände ihre Produkte.Doch immer mehr Aussteller und Besucher bezweifeln angesichts der Gigantonomie, daß die Messe ihrer ursprünglichen Rolle noch gerecht werden kann.Ihr Vorwurf: Die Veranstaltung sei zu unübersichtlich, um noch als Kommunikationsplattform der weltweiten Hightech-Industrie zu dienen.Sie haben recht.Die Cebit ist nicht nur die größte Computermesse der Welt.Sie ist die weltgrößte Messe überhaupt.Es wird wieder Zeit für eine Zellteilung.Es wird Zeit für die Tebit.Bereits vor zwei Jahren wurden elektronische Spielereien für Privatanwender in die "Cebit Home" ausgelagert.Die Freude der Fachbesucher an freien Gängen und streßfreiem Geschäftemachen währte jedoch nur kurz.Der diesjährige Ausstellerrekord bläht die Terminliste für die einwöchige Messe auf 60 Druckseiten auf.Erneut werden mehr als 600 000 Besucher erwartet und mehr als 8000 Journalisten.Solche Reizüberflutung muten sich selbst Profis nur noch ungern zu.Aus Unlust am Messestreß neigen immer mehr Unternehmer dazu, die Kosten-Nutzen-Relation ihrer Messepräsenz besonders kritisch zu prüfen.Viele bleiben dem Trubel bereits fern.Die Lösung liegt auf der Hand.Die Telekommunikation muß ihre "Tebit" bekommen: eine von der Computerbranche getrennte Leistungsschau der internationalen Telefonunternehmen.Ohne sie könnte die Cebit um 832 Aussteller und 69 000 Quadratmeter kleiner, übersichtlicher und streßfreier sein.Seitdem zum Jahreswechsel das Fernsprechmonopol der Deutschen Telekom fiel, hebt sich die Dynamik des Telefonmarktes ohnehin scharf vom Geschehen in der Computerbranche ab.Die Fülle neuer Unternehmen, Innovationen und Dienstleistungen rechtfertigt längst eine eigene Weltmesse für Telekommunikation.Die Computerbranche hat den Messe-Journalisten und Fernsehteams dagegen im Vergleich wenig Neues zu bieten.Zwar werden die Bildschirme flacher, die Modems schneller und einige Anwendungen noch ausgefeilter.Revolutionäres aber ist bei Hard- und Software nicht zu erwarten.Anders in der Telekommunikation: Der Mobilfunk etwa ist das Marktsegment mit den weltweit höchsten Wachstumsraten.Mit monatlich 200 000 neuen Kunden allein in Deutschland gehört der Handy-Markt zu den profitabelsten Zweigen der Hightech-Industrie.Auf der Cebit zeigt das Handy bereits, was alles in ihm steckt: Es präsentiert sich als ein Universalmedium der Zukunft, das die Funktionen von Terminkalender, Faxmaschine, Internet-Browser, Walkman, Gameboy und Mini-Fernseher in einem Gerät vereinen kann.Wenn sich ab dem Jahre 2002 der neue globale Mobilfunk-Standard UMTS in Deutschland durchgesesetzt hat, kennt der Handy-Boom ohnehin kein Halten mehr.Die Geräte der Zukunft werden so leistungsstark, daß sie heutige ISDN-Telefone mühelos in den Schatten stellen.Selbst Videofilme in hoher Bildqualität kann das Mobiltelefon der Zukunft empfangen und auf dem eingebauten Mini-Bildschirm abspielen.Um ganz vorne dabei zu sein, greifen die Anbieter tief in die Tasche.Allein die Telekom gibt in wenigen Jahren die gigantische Summe von 100 Milliarden Mark aus.Herausforderer wie Mannesmann Arcor und Otelo sind mit jeweils sieben Milliarden dabei.Der entfesselte Markt schafft seine eigenen Regeln und Gesetze.Eine neue Übersichtlichkeit ist daher - auch im Interesse der überforderten Verbraucher - dringend geboten.Eine übersichtlich geordnete Messelandschaft wäre ein erster Schritt.

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