Zeitung Heute : Von der International Space Station zur MIR

Ein Gespräch mit dem Physiknobelpreisträger Theodor W. Hänsch über den Wissenschaftsstandort Deutschland

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In diesem Jahr wurde der Otto-Klung-Weberbank-Preis an Prof. Dr. Markus Greiner verliehen. Die Laudatio hielt sein ehemaliger Lehrer, der designierte Physiknobelpreisträger Prof. Dr. Theodor W. Hänsch. Der Präsident der Freien Universität Berlin, Prof. Dr. Dieter Lenzen, und der Vorsitzende der Auswahlkommission, Prof. Dr. Günter Kaindl vom Institut für Experimentalphysik der Freien Universität, sprachen mit dem Nobelpreisträger. Themen waren sein Forschungsgebiet in der Physik und der Wissenschaftsstandort Deutschland. Das Gespräch dokumentierte Ilka Seer.

D. L.: Herr Hänsch, Sie haben 1979 selbst den Otto-Klung-Preis an der Freien Universität erhalten und bekommen jetzt den Nobelpreis. Wie bekannt ist eigentlich der Otto-Klung-Weberbank-Preis bei deutschen Wissenschaftlern?

T. H.: Der Preis hat einen hohen Stellenwert. Zum einen wegen der illustren Leute, die ihn bislang erhalten haben – immerhin sind es jetzt schon fünf Wissenschaftler, die zuerst den Otto-Klung- Preis und später den Nobelpreis bekommen haben. Zum anderen wegen der Höhe des Preisgeldes, das jetzt 50 000 Euro beträgt.

D. L.: Wie wirkt sich der Nobelpreis auf Sie und Ihren Alltag aus?

T.H.: Seitdem bekannt ist, dass ich den Nobelpreis bekomme, habe ich viel mehr Anfragen von den Medien, und es häufen sich die lukrativen Angebote ausländischer Universitäten und Forschungseinrichtungen. Ich überlege ernsthaft, ob ich eines davon annehmen soll, denn ich werde im nächsten Jahr 65.

D. L.: Und dann droht Ihnen die Pensionierung. Wie beurteilen Sie denn das Thema Altersgrenze von erfolgreichen Wissenschaftlern?

T. H.: Volkswirtschaftlich betrachtet ist sie unsinnig. Es wird ständig darüber gesprochen, dass die Rentensysteme nicht überleben können, wenn wir nicht das Renteneintrittsalter erhöhen. Aber die Hochschullehrer, die wirklich länger arbeiten wollen, dürfen nicht.

D. L.: Ist das in Amerika anders?

T. H.: Oh ja, ich schaue neidisch auf meine amerikanischen Kollegen, die bis in ihre 70er, 80er Jahre hinein aktiv sind. Roy Glauber zum Beispiel, der jetzt auch den Nobelpreis bekommt, ist mit 80 noch an der Harvard University im Amt und hält Vorlesungen. Und ein anderer amerikanischer Kollege, Charly Townes, ist gerade 90 geworden, experimentiert immer noch und publiziert mit jungen Studenten gemeinsam Fachartikel. Das ist toll, denn gerade die Symbiose zwischen erfahrenen Professoren und jungen begeisterungsfähigen Studenten kann doch viel bewegen.

D. L.: Wie bei Markus Greiner. Der ist er ja nun seit kurzer Zeit an der Harvard University. Was müssen wir denn tun, um junge Talente wie ihn wieder nach Deutschland zurückzuholen?

T. H.: Wir müssen konkurrenzfähige Bedingungen schaffen. Manchmal gelingt das sogar: Immanuel Bloch zum Beispiel, ein anderer Schüler von mir, hatte Rufe nach Yale und Stanford und ist trotzdem an die Universität Mainz gegangen.

D. L.: Was macht uns denn konkurrenzfähig?

T.H.: Die Ausstattungen der Labore. Die kann bei uns besser sein als an amerikanischen Universitäten. Hier haben die Professoren nicht nur wissenschaftliche Assistenten, sondern auch Werkstätten mit den entsprechenden Technikern. So etwas kennt man in Amerika kaum.

D. L.: Das ist ja interessant. Ich dachte immer, dass auch die Laborausstattung bei den amerikanischen Spitzenuniversitäten wesentlich besser sei als bei uns.

T. H.: Nein, das ist nicht immer der Fall. Als Markus Greiner zum Beispiel von München an die Universität von Colorado gegangen ist, schrieb er in einer seiner ersten E-Mails, er komme sich so vor, als sei er von der International Space Station zur MIR gekommen.

D. L.: Das ist ja eine schöne Metapher. Aber woran hapert es denn dann in Deutschland? Warum zieht es die deutschen Wissenschaftler immer wieder nach Amerika?

T. H.: Das liegt sicher an dem stimulierenden intellektuellen Reizklima und der Fähigkeit der Amerikaner, sich schnell für Neues zu begeistern. Die deutschen Gehälter sind auch ein Problem. Wir sind in die Tarifstruktur des öffentlichen Dienstes eingebunden, wo die Gehälter stagnieren. Meine amerikanischen Kollegen dagegen erhalten über Jahrzehnte hinweg jedes Jahr eine sechsprozentige Gehaltserhöhung. So ist inzwischen ein großes Missverhältnis entstanden.

D. L.: Aber Geld kann doch nicht alles sein - vor allem nicht, wenn Sie sagen, dass unsere Infrastruktur wesentlich besser ist.

T. H.: Den amerikanischen Spitzenunis ist es eben auch gelungen, sich selbst als Marke zu verkaufen. Allein den Namen einer solchen Spitzenuniversität in seinem Lebenslauf stehen zu haben, ist Gold wert.

D. L.: Sie selbst waren ja auch 16 Jahre lang an der Stanford University. Seitdem Sie zurück nach Deutschland gekommen sind, sind Sie trotz ihrer Mitgliedschaft in der Max-Planck-Gesellschaft fest in die Ludwig-Maximilians-Universität München integriert, mit der uns ja eine freundschaftliche Allianz verbindet. Hat sich die Doppelmitgliedschaft bewährt?

T. H.: Mein Kollege Herbert Walther und ich, wir sind beide hauptamtlich Professoren an der LMU und nebenamtlich Direktoren am Max-Planck-Institut für Quantenoptik. Das funktioniert sehr gut, weil wir die Vorteile beider Welten miteinander kombinieren können: Am MPI genießen wir eine sehr gute Infrastruktur mit hervorragend ausgestatteten Laboren, und die Uni hat den Vorteil, dass wir dort den Zugang zu begeisterungsfähigen jungen Leuten haben.

D. L.: Was raten Sie denn einem Universitätspräsidenten an seiner Hochschule zu tun, um die Naturwissenschaften aufzurüsten und noch weiter nach vorne zu kommen?

T. H.: Fakt ist, dass Spitzenleute weitere Spitzenleute anziehen. Gute Köpfe sind wichtiger als das Fachgebiet. Ich glaube, dass die teuersten Berufungen diejenigen sind, bei denen man an der Qualität spart.

D. L.: Wie beurteilen Sie eigentlich die deutsche Physik im internationalen Vergleich?

T. H.: Auf jeden Fall können wir bei der Grundlagenforschung mitreden.

D. L.: Gibt es innerhalb der Physik Fachrichtungen, wo Sie sagen würden, da ist Deutschland besonders gut, darauf müssen wir uns weiter konzentrieren?

T. H.: Meine prophetische Gabe ist sehr begrenzt. Wir sind aber nachgewiesenermaßen stark auf den Gebieten der Laserphysik, der Atomphysik, der Quantenoptik, der Festkörperphysik…

G. K.: …und in der Synchrotronstrahlungsphysik, der Neutronenstreuung, der Nanotechnologie und der Schwerionenforschung.

D. L.: Am 10. Dezember erhalten Sie ja den Nobelpreis. Für welche Forschungsleistungen erhalten Sie den genau?

T. H.: Für den so genannten optischen Frequenzkamm. Eine Erfindung, mit der man extrem genaue Messungen machen kann: von Frequenzen, von Zeiten und auch von Längen. Das ist praktisch das präziseste Messgerät, das man bisher erfunden hat. In der Grundlagenforschung bedeutet dies, dass man vielleicht die Grenzen unseres Verständnisses der Relativitätstheorie aufzeigen kann und beispielsweise untersuchen kann, ob sich die Naturkonstanten langsam ändern. Und was die technische Anwendung betrifft, glauben wir, dass man genauere Satellitennavigationssysteme und bessere Telekommunikationssysteme schaffen kann.

G. K.: Mit Ihrer Arbeit haben Sie ja die Frequenz- und Zeitmessung auf eine Genauigkeit von 15 Stellen hinter dem Komma revolutioniert. Das entspricht bei einer Zeitspanne von Christi Geburt bis heute, also 2000 Jahren, einem Messfehler von gerademal dem Zehntausendstel einer Sekunde. Kann man mit dieser extremen Messgenauigkeit bereits die Gravitationsverschiebung der Lichtfrequenz im Schwerefeld der Erde messen? Bisher konnte man diesen Effekt ja nur relativ ungenau mit dem Mössbauereffekt oder mit Satellitenexperimenten beobachten.

T. H.: Ja, die Hoffnung ist, dass man in Zukunft sogar Uhren bauen kann, mit denen man die Zeit bis auf 18 Stellen hinter dem Komma genau messen kann. Dann muss man tatsächlich, wenn man die Zeit angibt, auch noch die Höhe der Uhr angeben, weil ein Höhenunterschied von einem Zentimeter bereits einen Gangunterschied von 10-18 bewirken würde. Damit ließe sich die Gravitationsverschiebung so genau messen, dass man nachschauen könnte, ob es vielleicht Abweichungen von der Vorhersage der Allgemeinen Relativitätstheorie gibt.

I. S.: Welche Tipps würden Sie jungen Physikern mit auf den Weg geben: Wie wird man Nobelpreisträger?

T. H.: Ich würde sagen: Macht das, woran Ihr Spaß habt und nicht nur, was der Professor Euch sagt. Vor allem bei der Diplom- oder Doktorarbeit. Denn nur wenn man Freude bei der Arbeit hat, bringt man auch entsprechende Leistungen. Und wenn am Ende etwas Schönes rauskommt, freut sich auch der Professor.

D. L.: Lieber Herr Hänsch, herzlichen Dank für dieses Gespräch und alles Gute für Ihre Zukunft.

Das ausführliche Interview lesen Sie im Internet unter:

www.fu-berlin.de/presse/publikationen/haensch.html

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