Zeitung Heute : Von der Last, ein Mythos zu sein

„Jeden Tag leide ich stärker unter Lampenfieber“, sagt Václav Havel. Über ein Jahrzehnt war er das kollektive Gewissen seines Landes. Jetzt endet Havels Zeit als tschechischer Staatspräsident. Er selbst ist auch ein wenig erleichtert, dass er wieder Theaterstücke schreiben darf.

Paul Kreiner

Wenn Václav Havel seine Briefe unterschreibt oder ein Autogramm gibt, dann ist die „Samtene Revolution“ plötzlich wieder allgegenwärtig. Hinter seinen Namen malt er ein kleines Herz, das Zeichen des friedlichen Widerstandes der kalten November- und Dezembertage des Jahres 1989. Auf Graffiti in ganz Prag waren Herzen zu sehen und daneben der Spruch „Havel na hrad“, Havel auf die Burg.

Diese Hunderttausenden allabendlich auf dem Prager Wenzelsplatz. Das Klirren und Klingen ihrer Schlüsselbunde: Die Tschechen läuteten ihr Regime hinweg. Und oben auf dem Balkon, klein, schmächtig, kaum zu sehen, ein Mann, auf den sich die Hoffnungen richteten. Er redete. Jeden Tag. Er ermutigte und beruhigte. „Havel! Havel!“, schlagen ihm die Sprechchöre entgegen: „Lang lebe Václav Havel!“

In jenen Wochen des Jahres 1989 hat sich das Leben des Dramatikers und Philosophen Václav Havel dramatisch gewandelt. Er kam aus dem Untergrund und übernahm das Amt des Staatspräsidenten. Am 29. Dezember 1989 wurde der bis dahin vom Regime Verfolgte gewählt. „Ich fühlte mich in eine Märchenwelt katapultiert“, sagt er heute, „in den Jahren danach musste ich auf die Erde zurück. Keine diplomatische Immunität hat mich bewahrt vor dem harten Fall aus der fröhlichen Welt revolutionärer Aufregung in die irdische der bürokratischen Routine.“

Der „Philosophen-König“

Nun, nach zweieinhalb Jahren Präsidentschaft über die Tschechoslowakei und nach zwei jeweils fünfjährigen Amtsperioden als tschechisches Staatsoberhaupt, tritt Havel ab. Vom kommenden Mittwoch an werden Parlament und Senat in Tschechien versuchen, einen Nachfolger zu wählen. Sie werden es aller Voraussicht nach so schnell nicht schaffen. Denn anders als 1989 gibt es keinen „geborenen“ Staatspräsidenten, keinen vom Format des „Philosophen-Königs“, auf den sich die Parteien einigen könnten.

Den Titel „Philosophen-König“ hat Havel das US-Magazin „Newsweek“ verliehen. „Nun ja“, sagt Martin Komarek von Tschechiens führender Tageszeitung „Mlada Fronta Dnes“, „die Amerikaner lieben eben solche Typen. Märchenhafter Aufstieg, Bezwinger des Kommunismus, starke Moralansprüche, Visionär.“ Und dann skizziert Komarek die tschechische Sicht der Dinge: „Die Welt beklatscht bei Havel noch das, was unseren heimischen Beobachtern als moralischer Kitsch erscheint. Havel lässt keine Gelegenheit aus, korrekte Werte zu predigen oder über Sein und Nichtsein zu reflektieren.“

Ist Havel mit seinen Ansprüchen gescheitert? Am eigenen Volk auch noch? Längst haben junge Realpolitiker den Staatspräsidenten auf der Beliebtheitsskala überholt, und in Tschechien behaupten böse Zungen, Havel habe sich überhaupt nur deshalb so lange oben gehalten, weil er so oft und so schwer krank war: Siebzehn Mal musste er in seiner Präsidentschaft in Krankenhäuser, meist waren es lebensbedrohliche Vorfälle. Die Zustände in den kommunistischen Gefängnissen hatten Havels Gesundheit untergraben, jahrzehntelanges Kettenrauchen Lungenkrebs erzeugt. 1996 entfernten ihm die Ärzte einen Lungenflügel. Seither wächst sich jeder Katarr zur Lebensgefahr aus, und Havel liebt es, auch bei kühlem Wetter im offenen Hemd herumzulaufen. Zuletzt zwangen ihn Herzrhythmusstörungen vor drei Monaten ins Spital. Auf den Nato-Gipfel in Prag, den ersten in einem früheren Ostblockland und hauptsächlich Havels internationaler Popularität zu verdanken, bereitete er sich im klimatisch günstigeren Lanzarote vor. Während all dieser Krankheiten, so sagt man in Prag, hätten die Tschechen gemerkt, was sie an ihrem Präsidenten hatten – und sich, wie aus dem Winkel einer fernen Erinnerung heraus, besonnen auf das, was war, was hätte sein können und was nie mehr sein würde.

„In der Wahrheit leben“, lautet Havels Motto. „Puuh“, sagt der Senatspräsident und mögliche Nachfolger Petr Pithart dazu, „solche starken Worte möchte ich nicht in den Mund nehmen. So was soll man auch gar nicht sagen. Nur tun.“ Aber hat Havel das nicht getan? Er wurde am 5. Oktober 1936 geboren in eine Familie, die Vergnügungslokale betrieb. Die Havels wurden später enteignet, Václav gelangte wegen seiner großbürgerlichen Herkunft nur auf Umwegen zum Universitätsabschluss. Ende der 50er Jahre begann Havel, in Zeitschriften zu veröffentlichen, dann schrieb er Theaterstücke im Geiste Eugène Ionescos, Stücke über das absurde Leben im realen Sozialismus.

Mit der „Charta 77“ wird Havel Wortführer der Opposition. Gedruckt und uraufgeführt werden seine Werke im Westen. Zu Hause ist das verboten. Havel wird verfolgt, aber er beugt sich nicht. Immer tritt er auf gegen eine Zwangsgesellschaft, die alle „versklavt“, sei es im kommunistischen Polizeistaat oder in den modernen Konsumgesellschaften mit ihren verborgenen Anpassungszwängen.

Gerade das hat ihn im Tschechien nach der Wende so unbequem gemacht: Endlich hatte man die Freiheit, und Havel redete immer noch von der „Ausrichtung an Höherem“. Endlich hatte man die Demokratie, und der Staatspräsident rief schon wieder deren „Krise“ aus. Und ganz besonders rauschte Havel mit den Regierenden zusammen, die in ihrer „kalten Technologie der Macht“ so gar nicht zu seiner Idee von der Verantwortung des Politikers für die gesellschaftliche Humanität passten. Immer wieder legte sich Havel mit dem mehrfachen Regierungschef Václav Klaus an, forderte Menschlichkeit gegen dessen „Marktwirtschaft ohne Attribute“ ein. In dieser Rivalität mit Klaus hat Havel viel von seinem Glanz eingebüßt.

Jetzt, am Ende, ist Havel sichtlich müde. Wegweisende Stellungnahmen, etwa zu einem möglichen Irak-Krieg, fehlen. Offen gelassen hat er das Kapitel Beneš-Dekrete, auch wenn so manche im Westen gehofft hatten, er als „Gewissen des Landes“ könne und werde Tschechiens „Geste des Bedauerns“ vornehmen. Havel konnte nicht, weil das Land nicht mitzog. Und er nahm sogar den einstigen Staatschef Beneš, der mit seinem Amnestiegesetz die Vertreibung und Enteignung der Deutschen ermöglichte, in Schutz: Müssen wir nicht, bevor wir einen zum Sündenbock ausrufen, uns für eigene Versäumnisse an die Nase fassen?

Havels Vermächtnis

Das Amt, sagt Havel nun, sei ihm mit der Zeit immer mehr zur Last gefallen. „Jeden Tag leide ich stärker unter Lampenfieber. Jeden Tag fürchte ich mehr, ich könnte dem Job nicht gewachsen sein, ihn trotz besten Willens vermasseln, oder jemand könnte meine mangelnde Befähigung dafür aufdecken.“ Auch das Schreiben von Reden falle ihm immer schwerer: „Ich fürchte immer stärker, mich nur hoffnungslos zu wiederholen.“ Und dann folgt eine bittere Bilanz: „Unausweichlich kommt der Zeitpunkt, an dem mich meine Umgebung, die Welt und – viel schlimmer noch – mein eigenes Gewissen nicht mehr nach meinen Idealen und Zielen fragen oder danach, wie ich die Welt verändern will, sondern, was ich wirklich erreicht habe, was mein Vermächtnis sein soll und in welchem Zustand ich die Welt zurücklasse.“

Havel, diese Meldung hat in Prag unlängst eine Art wissendes Lächeln ausgelöst, geht nach seinem Auszug aus der Burg ins Kloster. Sozusagen, denn das Gebäude des Prager Annenklosters gehört mittlerweile dem Nationaltheater; Havel kehrt also zu seinen Wurzeln zurück. In seiner Zeit als Staatspräsident hat er kein einziges Theaterstück geschrieben, jetzt will er wieder schreiben, „frei von allen diplomatischen Zwängen“.

Zuvor, am 30. Januar, gibt es aber noch eine große Abschiedsgala im Nationaltheater, organisiert von Ehefrau Dagmar – „weil ja sonst niemand daran gedacht hat“. Genauso wenig wie an eine angemessene Pension für das dienstälteste Staatsoberhaupt Europas: Erst im November hat die Regierung dem Parlament einen entsprechenden Gesetzentwurf zugeleitet. In Kraft treten wird die Regelung frühestens im Mai. Aber nicht rückwirkend.

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