Zeitung Heute : Von der Perle zum Spielball

Haiti gilt als ärmstes Land der westlichen Hemisphäre, der Nachbar Dominikanische Republik ist Traumreiseziel vieler Touristen. Warum sind die Unterschiede auf der Karibikinsel Hispaniola so riesig?

von
318627_0_e660ee92.jpg

Haiti und die Dominikanische Republik bilden zusammen die Karibikinsel Hispaniola, die nach der Entdeckung durch Christopher Kolumbus von den Spaniern in Besitz genommen wurde. Doch nachdem die spanischen Eroberungen voranschritten auf dem Rest des Kontinents, wo große Gold- und Silberschätze gefunden wurden, verlor die vor allem für Plantagenwirtschaft genutzte Insel an Bedeutung und die Franzosen nahmen den westlichen Teil in Besitz – das heutige Haiti.

Wie hat sich Haiti entwickelt?

Einst war Haiti die „Perle der Antillen“, heute gilt es als „gescheiterter Staat“. Ein Land, mit dem es wirtschaftlich seit der Unabhängigkeit 1804 bergab geht und das seit dem Sturz der Duvalier-Diktatur 1986 nicht mehr zu Stabilität gefunden hat. Ergebnis einer „Gesellschaft entwurzelter ehemaliger Sklaven, die auch 200 Jahre nach der Unabhängigkeit noch kein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein für ihre Nation gefunden hat“, wie der Soziologe Gerard Pierre Charles vor einiger Zeit erklärte. Die Konzentration der jeweils Mächtigen auf die Ausschaltung des politischen Gegners und die eigene Bereicherung habe dazu geführt, dass Haiti in seiner Entwicklung keine Fortschritte gemacht habe.

Was bedeutet das konkret?

Die Hälfte der acht Millionen Einwohner kann bis heute weder lesen noch schreiben, acht von hundert Kindern sterben bei der Geburt, gut 90 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten im informellen Sektor, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 53 Jahren. Jeder 20. Haitianer hat Aids, 200 000 Kinder sind Aids-Waisen. Nur ein Bruchteil der Häuser ist an die Wasserversorgung angeschlossen. Gräber werden regelmäßig geplündert auf der Suche nach Wertsachen – und dem Wohlwollen der Voodoo- Götter.

Die Insel ist völlig entwaldet, weil die Armen mit Holzkohle kochen. Das zerstörte Ökosystem ist einer der Gründe, warum das Beben Haiti härter traf als die Dominikanische Republik: Ganze auf den kahlen Bergen errichtete Stadtviertel kamen aufgrund des fehlenden natürlichen Halts durch das Beben ins Rutschen. 80 Prozent der Haitianer kämpften schon vor der Katastrophe ums nackte Überleben. Ganze Familien lebten zusammengepfercht in 20 Quadratmeter großen Wellblechhütten. Väter verschwanden entweder nach der Zeugung oder zogen morgens los, um auf der Straße irgendeine Gelegenheitsarbeit zu ergattern. Mütter setzten ihre Babys aus oder verkauften ihre Kinder als Arbeitssklaven. Halb nackte Kinder kratzten am Straßenrand Lehm zusammen, um daraus Kekse zu backen.

Haiti ist laut Transparency International seit Jahren das korrupteste Land Lateinamerikas. Seit 1993 befinden sich fast ununterbrochen UN-Blauhelme vor Ort. Interne Machtkämpfe und internationale Ränkespiele machten die Versuche immer wieder zunichte. Haiti ist ein Beutestaat, wo sich rivalisierende Clans um Macht und Pfründe reißen. Die Entwicklungshilfe ist einer davon.

Welche Länder spielen in Haiti eine Rolle?

Die Katastrophenhilfe genieße absolute Priorität für seine Regierung, verkündete US-Präsident Barack Obama und mobilisierte Flugzeugträger, ein schwimmendes Hospital und 2000 Marinesoldaten für die Rettungsarbeiten. Die USA haben ein geostrategisches Interesse an Haiti. Das Land befindet sich knapp tausend Kilometer von Miami entfernt, rund eine Million Haitianer leben in den USA. Der politische und ökonomische Kollaps könnte eine Flüchtlingswelle auslösen, sorgt sich die US-Regierung. Außerdem ist Haiti ein Drehkreuz für den Drogenschmuggel – und ein weiteres Puzzlestück im regionalen Machtpoker. Auch der Gegner hat bereits Zeichen gesetzt: Das erste Flugzeug, das nach der Katastrophe in Port-au-Prince landete, kam aus Venezuela. Obamas linker Rivale in Lateinamerika, Hugo Chavez, will die Nase vorn haben im bizarren Wettlauf um die Solidarität. Chavez lieferte der Halbinsel Erdöl zu Vorzugspreisen, und auch sein Verbündeter, das kommunistische Kuba, ist seit langem präsent auf Haiti: Rund 400 kubanische Ärzte arbeiten in dem Karibikstaat und haben einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des Gesundheitssystems geleistet. Nun bietet das Beben die Gelegenheit, Einflusssphären auszuweiten.

Doch den Zweikampf hat seit einigen Jahren ein drittes Land aufgemischt. Brasilien führt seit 2004 die UN-Stabilisierungstruppe Minustah an und hat dabei durchaus Erfolge vorzuweisen. So gelang es den Blauhelmsoldaten unter brasilianischer Führung, die kriminellen Banden in ihre Schranken zu weisen. Das Ansehen der Brasilianer bei der Bevölkerung ist hoch – wozu auch die Popularität der brasilianischen Fußballmannschaft beiträgt, die schon mal zu einem Freundschaftsspiel nach Port-au-Prince kam. Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva hat sein Land bereits als führenden Koordinator der Katastrophen- und Wiederaufbauhilfe ins Spiel gebracht. Für Brasilien ist Haiti vor allem ein Trampolin auf dem Weg zur Weltmacht.

Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich hingegen spielt nur noch kulturell und symbolisch eine Rolle. Zuletzt kam es 2003 zu französisch-haitianischen Verwicklungen, als der damalige haitianische Präsident Jean-Bertrand Aristide die Rückzahlung einer historischen Schuld von 21 Milliarden Dollar forderte. Frankreich hatte eine entsprechende Summe nach den blutigen Unabhängigkeitskriegen von Haiti als „Entschädigung“ gefordert – und erhalten. Es war der Preis dafür, dass Frankreich, die USA, Großbritannien und Spanien die Unabhängigkeit anerkannten. Historiker machen die hohe Summe mit verantwortlich für den wirtschaftlichen Niedergang der einst reichsten französischen Kolonie.

Wie ist das Verhältnis zwischen Haiti

und der Dominikanischen Republik?

Nach seiner Unabhängigkeit besetzte der aufstrebende haitianische Nationalstaat 20 Jahre lang den spanischen Teil der Insel. Die kreolischen Machthaber dekretierten die Abschaffung der Sklaverei. Den Dominikanern blieb die Besatzung als Zeit einer brutalen Militärherrschaft und kulturellen Unterdrückung in Erinnerung. Die Besatzer schränkten die spanische Sprache ein, enteigneten Ländereien und verboten die so beliebten Hahnenkämpfe. Diese Unterdrückung war die Keimzelle für die spätere Unabhängigkeitsbewegung der Dominikaner.

Heute ist die Situation umgekehrt: 500 000 Haitianer sind in den Osten Hispaniolas ausgewandert, wo es mehr Arbeitsplätze im Tourismus und Dienstleistungsbereich gibt. Sie stellen die größte Minderheit des Landes. Doch wegen ihrer schwarzen Hautfarbe, ihrer kreolischen Sprache, ihrer mangelnden Ausbildung und ihres mehr im Voodoo als in christlichen Religionen verhafteten Glaubens werden sie häufig diskriminiert.

Warum geht es dem Nachbarland

so viel besser?

Nach den Unabhängigkeitserklärungen entwickelten sich die Länder sehr unterschiedlich. Das Umfeld für die Dominikanische Republik – die Einbettung in den spanischsprachigen Kulturraum Lateinamerikas und eine relativ homogene Bevölkerung, die aus spanischsprachigen Mestizen bestand – war dabei günstiger für die wirtschaftliche Entwicklung, während in Haiti Putsche und rivalisierende Clans Instabilität und Zerstörung verursachten und Raum boten für ausländische Interventionen, wie etwa der USA im Jahr 1914. Obwohl in beiden Ländern im 20. Jahrhundert jahrzehntelang brutale Diktaturen herrschten, legten die dominikanischen Machthaber mehr staatsmännische Vision an den Tag als die haitianischen. Trujillo und Balaguer regierten zwar mit eiserner Faust, sorgten aber auch in populistischer Manier für Infrastruktur und die Grundversorgung der Bevölkerung, während sich der Duvalier-Clan in Haiti vor allem selbst bereicherte.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar