Zeitung Heute : Von ganz oben

Beim Prozess in Düsseldorf müssen sich ehemalige Mannesmann-Manager der höchsten Ebene verantworten. Der Vorwurf: Untreue. Können Führungskräfte ganz ohne Absprachen entscheiden? Wo bleibt die Transparenz? Gibt es verbindliche Regeln?

Dieter Fockenbrock

AUFTAKT IM MANNESMANN-PROZESS

Es war die spannendste Übernahmeschlacht in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Viere Jahr später wird sie jetzt im Saal 111 des Düsseldorfer Landgerichts fortgesetzt. Das 180-Milliarden-Euro-Spektakel endete zwar mit einer Niederlage für die Mannesmann AG, aber mit satten Gewinnen für die Aktionäre – und ebensolchen Abfindungen für einige Manager des Düsseldorfer Konzerns. Und deshalb treffen sich die Akteure von damals an diesem Mittwoch wieder.

Gemütlich wird das erneute Beisammensein nicht. Denn den prominenten Herren wird der Prozess gemacht: Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, Klaus Zwickel, früher mächtigster Gewerkschaftsboss in Deutschland, und Klaus Esser, letzter Topmanager des Mannesmann-Konzerns vor dem Verkauf an den britischen Mobilfunker Vodafone, sind neben drei weiteren Ex-Managern angeklagt. Angeklagt der „Untreue in besonders schweren Fällen“ und zu Lasten des Vermögens einer inzwischen von der Bildfläche verschwundenen Firma. Ackermann und Co. haben Prämien, Abfindungen und Sonderzahlungen an Manager in einem Gesamtvolumen von 57 Millionen Euro genehmigt, 15 Millionen Euro kassierte allein Klaus Esser dafür, dass er den Unternehmenswert – mit und ohne Übernahmeschlacht – um ein Vielfaches gesteigert hatte.

Das Gericht muss nun prüfen, ob es bei diesen Zahlungen korrekt zugegangen ist, ob das Vermögen der Aktionäre geschädigt worden und den damaligen Aufsichtsräten Ackermann und Zwickel daraus ein Strick zu drehen ist – weil sie Vorschriften verletzt haben oder weil die Höhe der Abfindungen in keinem Verhältnis zu den Leistungen der Ex-Manager stehen. Und ob es denn kein Gesetz, keine Verordnung und keine Regeln gibt, an die sich die Mannesmann-Aufsichtsräte hätten halten müssen.

Das deutsche Aktiengesetz enthält 400 Paragrafen. Doch um Manager und Aufsichtsräte vor Gericht zu bringen, taugen die wenig. In dem Standardwerk für deutsche Wirtschaftsjuristen findet sich praktisch kein Paragraf, aus dem sich direkte Klagerechte ableiten ließen.

Doch die neue Generation von Aktionären will sich nicht nur einmal im Jahr auf der Hauptversammlung mit gutem Essen und oberflächlichen Sprüchen abspeisen lassen. Die Aktionäre wollen ihre Eigentümer- und Kontrollrechte wahrnehmen – und brauchen dazu Informationen. Vorstände und Aufsichtsräte wehrten sich anfangs. Man war es nicht gewohnt, sich in die Karten sehen zu lassen. Die hitzigen Debatten über die Offenlegung von Vorstandsgehältern und Aufsichtsratsvergütungen sind noch in guter Erinnerung. Erst 14 der 30 großen Unternehmen des Deutschen Aktienindex (Dax) haben sich dazu durchgerungen, die Bezüge ihrer Manager en Detail offen zu legen.

Aber es geht um mehr als die Bereitschaft zur Transparenz. Noch immer sind Sondergremien, in denen hinter verschlossenen Türen Abmachungen getroffen werden, an der Tagesordnung. Sie nennen sich „Aufsichtsratspräsidien“ oder „Ausschüsse für Personalangelegenheiten“. Und eben in einem solchen exklusiven Club wurden die Millionen-Abfindungen für Esser und Kollegen beschlossen. Mit guter Unternehmensführung hat das wenig zu tun, schon gar nicht mit dem immer lauter werdenden Ruf nach Transparenz. Offenheit und Information nur nach US-amerikanischem Muster zu verordnen und in starre Regeln zu gießen, das ging auch der rot-grünen Bundesregierung zu weit. Zumal die Bilanzskandale in den Vereinigten Staaten den Beweis lieferten, dass selbst strengste Börsengesetze und Verhaltensregeln Betrug nicht verhindern können.

Freiwillige vor

Politik und Wirtschaft setzen hier zu Lande deshalb auf freiwillige Vereinbarungen der Wirtschaft. Nach langem Zögern wurde der Corporate-Governance-Kodex entwickelt, der Leitlinien für eine verantwortungsbewusste Unternehmensführung und Kontrolle definiert. Der sagt beispielsweise, dass Ausschüsse an sich nichts Unanständiges sind. Im Gegenteil: Sie können sogar die Effizienz von Management und Kontrolleuren steigern. Doch werden die Mitglieder solcher Gremien auch dazu verdonnert, „regelmäßig“ und umfassend über ihr Tun zu unterrichten. Geheimzirkel, sagt der Kodex der Wirtschaft, sind von gestern.

Justizministerin Brigitte Zypries hat gerade eine neue Gesetzesinitiative vorgestellt, um die Unternehmensintegrität und die Anfechtungsrechte von Anlegern zu stärken. Aktionäre sollen künftig gegen Entscheidungen von Managern klagen können, wenn ihnen finanzielle Nachteile drohen. Josef Ackermann, Klaus Esser oder Klaus Zwickel hätten sich dann vermutlich besser abgesichert – vielleicht sogar ganz anders entschieden.

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