Zeitung Heute : Von Herzen

JÖRG KÖNIGSDORF

Jan Gottlieb Jiracek im kleinen Saal des SchauspielhausesEin Preis beim Bozener Busoni-Wettbewerb gilt, spätestens seit Marta Argerich, als passable Zugangsbescheinigung für das internationale Pianistenpodium.Kürzlich war in Berlin die Busoni-Gewinnerin Lilya Zilberstein zu Gast, jetzt stellte sich der Wettbewerbszweite des letzten Jahres, Jan Gottlieb Jiracek, im Rahmen des Price-Waterhouse-Konzertsommers im kleinen Saal des Schauspielhauses vor.An Zilbersteins metrische Zuverlässigkeit und leichtes piano-Spiel reicht der Dreiundzwanzigjährige noch nicht heran, doch wo die Russin makellose Konfektionsware ohne greifbare Persönlichkeitsanteile bietet, ist bei Jiracek der Wille zum Gestalten allgegenwärtig. Schnell formt sich so das Bild einer Persönlichkeit, paradoxerweise an Werken, die seinem emphatischen, fast naiven Naturell wenig zu entsprechen scheinen.Beethovens G-Dur-Sonate op.31,1 ist bei ihm keine spöttische Reminiszenz an das 18.Jahrhundert, das Adagio grazioso gibt sich ganz hemmungslos und gesund seiner endlosen Trillerseligkeit hin, die knöchrige staccato-Mechanik der begleitenden Achtelbewegung gerät hier allzu harmlos.Auch im Kopfsatz sieht Jiracek allenthalben den Klaviertitanen, spielt Dynamikkontraste voll aus, deutet das keck vorschlagende Sechzehntel des Eingangsmotivs nicht als Vorwitz, sondern als Bewegungsimpuls.Das stört jedoch wenig, weil Jiracek alles mit vollster Hingabe spielt, selbst sentimentale Ritardandi wirken bei ihm nicht unehrlich. Selten wird Alexander Srjabins fünfter Sonate eine derart romantisch dramatisierende Wiedergabe zuteil, die sich um Strukturklarheit und überlegten Klangsensualismus wenig schert, sondern ganz auf schmachtende Melodik und überschwengliche Beschleunigungen setzt.Die gleiche emotionale Direktheit und Spontaneität hält auch Schuberts "Wanderer-Fantasie" durchgängig spannend.Da mißglücken zwar einige Details, doch immer wieder fesselt Jiracek durch gestalterische Lebendigkeit, malt den Weltschmerz des Adagio mit stimmungsvoll verhangenen Bässen aus, gibt dem Trio eine frappierend improvisatorische Freiheit.JÖRG KÖNIGSDORF

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