Zeitung Heute : Von Klemperer zu Kreizberg

SYBILL MAHLKE

Jubiläumskonzert des Orchesters der Komischen Oper zum 50jährigen BestehenVON SYBILL MAHLKE"Eine kleine Nachtmusik" unter Otto Klemperer im Konzert - wer wäre da nicht gern dabeigewesen! Die Sowjetische Militärverwaltung hat den Regisseur Walter Felsenstein mit der Leitung des städtischen Operettentheaters unter dem Namen "Komische Oper" beauftragt und den Anfang seiner Tätigkeit ab September 1947 im Gebäude des Theaters Metropol in der Behrenstraße in Berlin erlaubt.So beginnt eine junge Legende, deren 50.Geburtstag dieser Tage "Berlins Musiktheater" in eine Jubiläumsspielzeit versetzt.Am Anfang stand als Weihnachtspremiere 1947 "Die Fledermaus", und am 23.Dezember 1997 wird ihrer mit einer Überraschungsgala gedacht werden, der Felsenstein-Inszenierung mit einer Harry-Kupfer-Inszenierung. Die Geschichte eines Opernorchesters ist ohne sein Theater naturgemäß nicht denkbar.1949 dirigiert Klemperer Bizets "Carmen", Regie: Felsenstein.Aber das Konzertleben gehört, wo ein Klemperer waltet, von Anbeginn dazu, Mozart, Tschaikowsky, Mendelssohn Bartholdy, Brahms, Schumann, Beethoven.Die Tradition wird weiter von Dirigenten wie Kempe, Vaclav Neumann, Masur, Hartmut Haenchen, Rolf Reuter geprägt und von Statthaltern hochgehalten, die Felsenstein wie seinen Schülern Joachim Herz und Götz Friedrich dienen.So kommt es, daß schnell auch die zeitgenössische Musik im Orchester der Komischen Oper einen willigen Adressaten findet, daß Solisten wie Jean-Pierre Rampal und Paul Tortelier hierfür gewonnen werden und seit den siebziger Jahren mehrfach Henze und Penderecki ans Dirigentenpult treten. Hat die Klemperer-Zeit, die da golden aus den alten Programmen leuchtet, den hohen Maßstab gesetzt, so muß das Orchester ihn heute nicht scheuen.Seit Yakov Kreizberg in den letzten Jahren die Würde und gern getragene Bürde der Chefposition übernommen hat, gibt es Vorbildliches zu entdecken.Kreizberg übernimmt und trägt den Mozart-Zyklus und bleibt den eigenen Neueinstudierungen im wesentlichen treu.Das bedeutet nicht weniger, als daß ein Dirigent, der das Zeug zum Star hat, sich dem Ensemble-Theater einfügt wie seine Gesangssolisten.Wenn auch inszenatorisch nicht mehr alles so siegessicher gelingt wie früher - mit dem Hegen des Repertoires bewahrt die Komische Oper ihr Gesicht. So hat sich das Orchester offenbar fest entschlossen, Kreizberg auf allen Pfaden zu folgen.Es spürt den Erfolg und ist entzückt.Im Festkonzert gerät die Einigkeit zur öffentlichen Demonstration."Der heutige Abend aber", so der Vorstand im Programmheft, "der von allen Musikern des Orchesters freudig erwartet wird, bedeutet uns besonders viel." Wer seinen Chefdirigenten liebt, lenkt den Beifall allein auf ihn, indem er sitzend zusammen mit dem Publikum applaudiert.Die Ehre wird Kreizberg in diesem außerordentlichen Fall sogar zweimal zuteil. Das, worauf er bauen und aufbauen darf, repräsentiert Werner Tast.30 Jahre im Orchester als Soloflötist, ist er als einer der wichtigsten Musiker oberhalb des "Grabens" namhaft.Vergleichbar Siegfried Palm, Fischer-Dieskau, den Kontarskys, gegenwärtig Zagrosek, früher - auf "seinem" Instrument - Gazzeloni, hat sich Tast um die Neue Musik verdient gemacht, seinerseits speziell der DDR.Diesmal spielt er eine vorwiegend gefällige, trostreiche Musik von Leonard Bernstein, "Halil", Nocturne für Soloflöte, Streichorchester und Schlagzeug (1981)."Dem Geiste Yadins und seiner gefallenen Brüder" gewidmet - Yadin Tanenbaum war ein junger israelischer Flötist -, singt das Stück vom Tod als Schlafes Bruder, das Solo im Dialog mit der Viola und quasi jenseitigen Altflöte, die sich im Orchester versteckt.Keine Schwierigkeit für Werner Tast, aber Gelegenheit für die Zuhörer, seine Intensität im tragenden leisen Ton zu bewundern. "Till Eulenspiegels lustige Streiche", obwohl scheinbar leichtfüßig von Richard Strauss "Nach alter Schelmenweise in Rondoform" gesetzt, ist alles andere als ein leichtes Einspielstück, nämlich der virtuoseste Orchestersatz seiner Zeit.Die merkliche Nervosität, die mit der Herausforderung zu tun hat, weicht spielerischer Eleganz, als die sinfonische Exposition über die Themen Tills einsetzt.Kreizberg musiziert den luziden Strauss, der Mozart-Verehrer ist.Der Charakter des "Es war einmal" kommt im Epilog, nachdem "Tills Sterbliches" anschaulich geendet hat, noch einmal zu sich selbst, zu der Kunstwahrheit des Werkes. Derzeit ist die Komische Oper dabei, ihre "Fidelio"-Premiere vorzubereiten.Die "Pflege des heiteren Musiktheaters" (Felsenstein) durchkreuzt der Griff nach den Sternen.Beethovens "Eroica" aber musiziert Klemperer schon 1950 mit den Vorgängern der heutigen Orchestermitglieder.Wer vom Damals nichts mehr weiß, erfährt hier und jetzt, wie das Orchester nicht nur die Position vom "Graben" aufs Podium tauscht, sondern in der Tat Sinfonieorchester wird.Die Innenspannung des Trauermarsches, dessen Straße mit mozartischer Aura durch Todespforten führt, basiert auf erworbener, feine Oboensoli integrierender Klangkultur.

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