Zeitung Heute : Von Leuchttürmen und Taschenlampen

PETER HERBSTREUTH

Beim Berliner Kulturaustauschprogramm "Grenzenlos" ist in diesem Jahr Partnerstadt Istanbul an der Reihe.Der angestrebte Dialog bleibt verhaltenVON PETER HERBSTREUTHDas offizielle Berlin präsentiert sich in diesem Jahr in Istanbul und setzt innerhalb der Veranstaltungsreihe "Grenzenlos" temporäre Satelliten aus.Man wolle, so der für Kulturaustausch zuständige Senatsrat Ingo Weber, in Istanbul verschiedene Fenster nach Berlin öffnen.Überdies, so Kultursenator Peter Radunski, erhöhe ein Test in anderem Umfeld die Marktchancen Berliner Kultur. In Istanbul wird darüber in den Zeitungen wohlwollend berichtet.Man druckt eine Version der Pressemitteilungen und enthält sich fast immer eines Kommentars.Auseinandersetzung findet öffentlich nicht statt.In Deutschland hingegen hatte es sich kaum ein Kritiker nehmen lassen, die Berliner Kulturexporte hochzuloben und auf die dürftigen oder bemühten oder unterdrückten Produktionen in Istanbul selbst hinzuweisen.Alle waren sich in einem zentralen Punkt einig: Berlin transferiert seine Hochkultur in die kulturelle Provinz. Istanbul ist mit 14 Millionen Einwohnern eine Stadt für verschiedene Lebensweisen.Und damit das Nebeneinander des Verschiedenen möglich bleibt und die Eigenarten verschiedener Gruppen sich äußern können, gibt es unterschiedlich geprägte Stadtteile.Die Umgebung um den Taksim Platz ist westlich orientiert.Hier gibt es viele Kinos, Discos, Platten-, Bücher- und Kleidungsläden vor allem mit Westprodukten.Die Architektur ist westlich und das Straßenbild ähnelt Stadtteilen Londons.In dem drei Kilometer entfernten Stadtteil Fener würden diese Geschäfte eingehen.Die Leute leben der Tradition gemäß.Viele Frauen sind tief verschleiert.Im Stadtteil Eminönü sind zu Gebetszeiten manche Straßen voll von knieenden Moslems.Um den Taksim-Platz wäre das unerwünscht, wenn auch nicht verboten.Die Vertreter der Stadtregierung wahren den sozialen Frieden, indem sie auf Distanzen achten und Reibungsflächen zu meiden suchen.Istanbul ist zwar eine traditonsreiche Großstadt; aber das kulturpolitische Ziel, Schmelztiegel sein zu wollen, steht nicht auf der Prioritätenliste.Das Prinzip heißt: teile und herrsche. 1994 wurde Tayyip Erdogan Bürgermeister.Er ist Mitglied der islamischen Wohlfahrtspartei.Seither orientiert sich die Kulturpolitik an traditionsbewahrenden Mustern.An westlichen Inhalten, gar an einer Auseinandersetzung besteht offiziell nur ein sehr gezügeltes Interesse.Kulturelle Initiativen sind fast ausschließlich auf privatwirtschaftliche Förderungen von Unternehmen und Banken angewiesen.So auch die Berliner Initiative "Grenzenlos", die mit nach Osten gerichtetem Blick seit 1990 in Budapest, Warschau, Prag, Moskau und nun in Istanbul jeweils über ein Jahr hinweg Musik, Theater, Tanz, Film, Architektur und bildende Kunst aus Berlin vorstellt. Die Berliner Kulturveranstaltungs- und Verwaltungs-GmbH mit ihrem Vorsitzenden Peter Radunski will "Austausch, Dialog, Begegnung" auf allen Ebenen.Bislang wird die gesamte Reihe als Publikumserfolg gewertet.22 000 Besucher hatten bis Juni die verschiedenen Veranstaltungen besucht, darunter Johann Kresniks "Othello", Heiner Müllers "Arturo Ui" und die ebenso ausverkaufte von Ursula Block zusammengestellte Reihe von Komponisten neuer Musik. Die Ausstellung "In Medias Res", die jetzt eröffnet wurde, ist daher Teil eines Zusammenhangs, der ebenso für Berliner Produktionen als auch für das kulturpolitische Engagement dieser Stadt wirbt und "eine der intensivsten Darstellungen dessen ist, was Künstler in Berlin heute tun", so Berlins Kultursenator auf der Pressekonferenz im Atatürk-Zentrum.43 Künstler zeigen "Fotografie und andere Medien aus Berlin".René Block besorgte mit Angelika Stepken die Auswahl.Das Spektrum reicht von Bettina Allmoda, Dieter Appelt, Fritz Balthaus über Lothar Baumgarten, Adib Fricke, Fritz Rahmann, Katharina Sieverding bis Wolf Vostell und Ute Weiss-Leder.Ein weites Feld. Ein Großteil der Beteiligten war angereist, um die Werke in zwei Ausstellungshallen und drei Privatgalerien mitaufzubauen.Aber trotz dieser direkten Beteiligung der Künstler vor Ort wird ein sonderbaraer Doppelaspekt deutlich.Zwar ist "In Medias Res" für Istanbul gemacht, aber das sieht man nur wenigen Werken an.Die Künstler richteten ihre Arbeiten weniger für Istanbul ein, als für René Block.Von ihm, der zu den renommiertesten Ausstellungsmachern Europas gehört, sollten die Werke verstanden werden und vor seinem untrüglichen Auge bestehen.Der Dialog mit Istanbul ist deshalb von den Werken her bis auf wenige Ausnahmen beiläufig. Das Bild auf dem Umschlag des Katalogs, das auch als Plakat in vielen Straßen klebt, schützt die Ausstellung.Die türkische Grafikerin hatte nach dem Vorbild des "Auges gegen den bösen Blick", das man als Emblem in fast allen Schaufenstern sieht, einen Augapfel gestaltet.Der Bezug ist durch die gewitzte Aufnahme lokaler Symbolik vorhanden, die Veranstaltung in die Vielfalt der Angebote integriert.Das ist nicht wenig.Denn Festivals im Rahmen des nationalen Kulturaustauschs werden oft gerade wegen ihrer Exotik geschätzt, bleiben aber als Kuriositäten wirkungslos, weil nicht integrierbar. Deshalb gehören die Werke der Klangkunst, die in dieser Ausstellung einen Schwerpunkt ausmachen, zu den Überraschungen.Klangkunst entsteht in akustisch übersättigten Umfeldern und bietet einen Gegenton zum Radau.Es ist eine urbane Kunst, ordnet Klangquellen im Raum und tönt weder von der Bühne noch vom Sockel. Susanne Lautenbach hatte einen Istanbul-Aufenthalt genutzt, um in breitformatigen Fotos Szenen aus dem Panorama der Stadt zu dokumentieren.Sie ging durch die Straßen und machte kleine Entdeckungen.Auf einem Foto sieht man das Depot einer Werkstatt, in der Skulpturen von Atatürk gefertigt werden.Die Büsten stehen überall.Und Fotos und Gemälde von Atatürk hängen selbst in Imbißbuden.An diesem Bild ließen sich Zugänge und Mißverständnisse kulturell verschiedener Rezeptionsbedingungen klären.Aber bildende Kunst braucht einen langen Atem und wirkt oft gerade durch Mißverständnisse produktiv. Avantgarden kann es ohne einen Kanon fester Werte nicht geben.Deshalb spricht man hierzulande nicht mehr von Avantgarden.In Istanbul jedoch hätte dieser Begriff Sinn.Um aber die Avantgarde überhaupt aufzufinden und beurteilen zu können, müßte man die feinverästelten Entwicklungen und Konfliktstoffe kennen.Regionale Kontexte, das lehrt dieses Austauschprogramm, lassen sich nicht umstandslos implantieren.Noch viel Vermittlungsarbeit ist nötig.Es bedarf dafür nicht nur der "Leuchttürme", sondern auch der Taschenlampen. Istanbul, bis 12.Oktober.

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