Zeitung Heute : Von Säcken und Helden

Im Dresdner Stadtteil Gohlis steht die Flut nun am höchsten – eine Nacht und ein Tag am Wasser

Jeannette Krauth[Dresden]

Hastig zieht er an der Zigarette. Vor ihm der braune Elbspiegel, ruhig, Möwen schwimmen darauf. Dann Sandsäcke. Bis zu seinem Knie reicht der Stapel. Nur die Straße trennt sein kleines grünes Haus von dem Wall, von der braunen Wasserbrühe auf der überfluteten Wiese. Der Mann heißt Timo Kutschke. Wie viele hier im Dresdner Stadtteil Gohlis betreibt er ein Gartencenter, und wie viele hier in Gohlis war er 2002 schon einmal Flutopfer. Es ist neun Uhr morgens, Dienstag. Später wird gemeldet: Mit sieben Metern 49 ist nun der höchste Wasserstand erreicht. Für Timo Kutschke heißt das: Er hat Glück gehabt. Das Wasser bleibt hinter den Säcken. Für ihn ist für dieses Glück ein Mann verantwortlich: „Ohne den Einsatzleiter der Feuerwehr Löbtau würde meine Werkstatt über einen Meter unter Wasser stehen.“ Ein Nachbar sagt: „Und die Häuser in den tiefer gelegenen Straßen dahinter auch.“ Er ist mit dem Fahrrad vorbeigekommen, und er ist nicht der Einzige: Geht einer, kommt der nächste Nachbar. Sie wollen reden. Wütend sind sie. Fühlen sich allein gelassen. Dass am frühen Abend überhaupt Sandsäcke verteilt worden waren, das war nämlich kein Rathausbeschluss, sondern der Alleingang eben dieses Feuerwehrmannes. Gohlis hat seinen Robin Hood der Sandsäcke.

Dresden in der Flut, in einer „schwierigen, aber keiner chaotischen“ Hochwassersituation, wie es im Landeshochwasserzentrum heißt, das sind kleine Rettergeschichten, viele Gerüchte und eine Sammlung der guten Taten. Gohlis, Zschieren und Laubegast sind die am schlimmsten betroffenen Stadtteile Dresdens; von Gohlis aus ist die Innenstadt nur 15 Minuten entfernt, wo nun die Wasser auf der Uferpromenade schwappen, die Frauenkirche im Hintergrund. Aber nur in Gohlis – ein kleines Bullerbü mit Lattenzäunen, Gemüsegärtchen und Kopfsteinpflaster – bestand Montagabend noch Hoffnung, die Flut aufzuhalten. Die anderen Stadtteile sind von Nebenflüssen so umschlossen, dass sie unaufhaltsam zu Halbinseln wurden.

Die Nacht auf Dienstag war für Gohlis entscheidend, und sie hatte ihre Helden: den mutigen Feuerwehrmann, einen Deichgrafen und einen Wissenschaftler, der die Elbe tagein, tagaus beobachtet und zwar bis hoch zum Ursprung im Riesengebirge, in der südlichen Tschechei.

Es sah aus wie eine Filmszene: Der Beleuchtungswagen, röhrend, warf Flutlicht über die vielleicht 40 Menschen in Gummistiefeln, die sich das herankriechende Wasser auf der Elbwiese anschauten. Gereizt waren sie. Ein Mann, seine helle Hose ist dunkelgrau gefleckt vor Nässe, sagt: „Erst fünf Minuten vor der Flut bekommen die im Rathaus Angst.“ Weiter oben an der Straße stehen die blau uniformierten Männer und Frauen des Technischen Hilfswerks, die Polizei in Mannschaftswagen. Alle sind bereit, keiner darf etwas tun. Eine junge Polizistin sagt, dass sie zu der ganzen Lage nichts sagen möchte, außer: Eigentlich ist sie zum Sandsäckeschleppen gekommen. Und an die, das sagt sie nicht, das sagen aber die Anwohner umso lauter, dürften sie nicht ran. Im Rathaus wird getagt, seit 19 Uhr. Aber hier, an den Elbwiesen, will keiner mehr warten. Hier fürchten alle das Wasser, das 300 Meter weiter herangerückt ist am Tag.

Irgendwann stemmt ein schnauzbärtiger Mann in Feuerwehruniform die Hände in die Seiten, sagt: „Presse weghören.“ Und: „Wir sind auf Eurer Seite. Wir fangen jetzt einfach an, mehr können wir nicht tun.“ Gleich darauf rollt ein Lastwagen mit Säcken an, 1200 passen auf einen, der Sack wiegt knapp über zehn Kilo, nass mehr. Die Rettung von Gohlis geht los, auch ohne offizielle Erlaubnis. Dafür könnte der Mann seinen Posten verlieren. „Ich erzähle es in jedem Fernsehinterview, dass er uns gerettet hat“, sagt Timo Kutschke am Morgen danach.

Erst später, die Hälfte des Walls um die Wiese war schon gebaut, kam der Rathaus-Bescheid: Ihr dürft anfangen.

Zu der Zeit sitzt der Deichgraf in einem kleinen roten Opel Corsa mit blauer Einsatzlampe auf dem Dach. Der Deichgraf heißt Daniel Bitterlich, er ist Feuerwehrmann, hager und trägt blondes, windzerzaustes Haar. Deichgraf wird er genannt, weil er für diese Schicht den Posten der Deichkontrolle übernommen hat. Alle zweieinhalb Stunden kontrolliert er den von den Bewohnern „Querdamm“ genannten Grasdeich vor Gohlis.

Der Deich ist ein sanft ansteigender Wiesenhügel. An seiner heikelsten Stelle führt eine Asphaltstraße bis zum höchsten Punkt, sie endet in einer kleinen Mauer aus Latten, Folie, Sandsäcken. Dahinter: Wasser. Schläuche spucken Schwall für Schwall noch mehr in die dicke Elbe hinein. „Damit es nicht durch die Toiletten in die Häuser steigt“, sagt Daniel Bitterlich. Er und ein Azubi gehen auf dem Deich gegen den Elbstrom. Enten schwimmen durch Baumkronen. Ein paar Meter weiter hat das Technische Hilfswerk einen gelben Pfeil auf die Grasnarbe gesprüht: Kritische Stelle, heißt das. Daniel Bitterlich schwenkt den Leuchtkegel seiner Taschenlampe nach rechts, hin zum Dorf, auf den Deichfuß: Da steht eine Pfütze. Die Wasserlache zeigt, dass der Deich hier aufgeweicht ist. „Alles in Ordnung“, sagt er zu seinem Azubi, „ist nicht größer geworden.“ Es ist ungefährlich, so lange nichts fließt. Und zurück geht’s zum Corsa und auf Straßenwegen bis zur nächsten kritischen Deichstelle.

Ein überschwemmtes Freibad wird kontrolliert, dann ein Weg, auf dem das Wasser bis hundert Meter vor ein Hochspannungshäuschen gekrochen ist. Auf einer Bank auf dem Deich sitzen Jugendliche mit Bierflaschen, kichern. An anderen Stellen stehen Erwachsene vor den Absperrungen, starren auf das Wasser. Es ist kurz vor 23 Uhr, als sie noch vier Sandsäcke einladen, und zu einer Gärtnerei am Deich fahren. Für eine Mini-Verpflasterung, sozusagen. Sie treten die Säcke fest. Der Gärtner kommt aus dem Wohnhaus heraus: „Den ganzen Tag sag ich denen, hinten bei mir weicht’s durch“, sagt er aufgeregt. Der Deichgraf beruhigt wieder. Die Menschen fühlen sich allein gelassen, nicht gut informiert. Da beruhigt ein Mann in Uniform ungemein.

Pfützen prüfen: Was so unspektakulär klingt, ist so wichtig: Ist die Pfütze trüb, dann heißt das, es wird Deichmaterial ausgeschwemmt. Ein Alarmsignal, denn dann ergeben sich Hohlräume im Deich – der erste Schritt in Richtung Deichbruch. Noch bis zum Wochenende soll der Pegel auf diesem Höchststand bleiben, dann langsam absinken – noch jede Menge Möglichkeiten für das Wasser, sich seinen Weg nach Gohlis zu suchen. An einer Stelle haben Daniel Bitterlich und sein Kollege schon so etwas entdeckt. Sie haben ihren Stab angerufen, der hat die Landestalsperrenverwaltung informiert, und die haben ihre Experten, „Deichärzte“ sozusagen, losgeschickt. Nun prangt an der Stelle ein weißes Tuch. Es fühlt sich an wie Filz und ist mit Sandsäcken beschwert. „Das funktioniert wie ein Druckverband“, erklärt der Deichgraf. Er prüft das Wasser, es ist klar, es steht still.

Später, an einer anderen Stelle, fühlt sich der Deich weich wie Moos an. Kein gutes Zeichen. „Dass der Deich hält, das würde wohl niemand versprechen“, sagt der Deichgraf und lässt die Taschenlampe schweifen. „Aber auch nicht, dass er es nicht tut.“ Da kann auch der Mann vom Landeshochwasserinstitut nichts mehr machen, der jeden Tag neue Berechnungen herausgibt, die warnen oder trösten.

Stunde um Stunde, 24 Mal am Tag, setzen Uwe Höhne und sein Team Pegelstände und Wasserfließgeschwindigkeiten, die Prognose für die nächsten Tage, ins Internet. Im Norden Dresdens, in einem kleinen Häuschen in einem Gewerbegebiet, da ist das Landeshochwasserzentrum beheimatet. Um acht Uhr morgens treffen hier die ersten Zahlen aus der Tschechei ein: Pegelstand und Fließmenge des Wassers der Moldau und Elbe, aus drei tschechischen Orten. Das kleine Häuschen hat eine gewisse Berühmtheit erlangt, heute ist das finnische Fernsehen da, gestern war es das japanische. Das Hochwasser-Team, die Hydrologen, erklären die Abhängigkeit von Schneeschmelze in Tschechien, von Regenfällen und Talsperrenmanagement auf den Flussstand in Sachsen. Wieder und wieder. „An Höhe kommt nicht mehr viel dazu“, sagt Uwe Höhne, der Leiter des Hochwasserzentrums, „jetzt geht es darum, die Deiche zu halten.“

Und darum, gegen Gerüchte zu kämpfen. Mehrmals telefoniert das Hochwasser-Team nach Tschechien, um Mediengerüchten nachzugehen: Nein, es gibt keine Niederschläge in Südtschechien, die das Hochwasser verstärken würden. Uwe Höhne ärgert so etwas, „Falschmeldungen.“ Die entstehen so schnell: Morgens um acht in Gohlis zum Beispiel, als der Deichgraf seit anderthalb Stunden Feierabend hat. Da meckert eine Ziege aus dem ersten Stockwerk, wo sie sicherheitshalber hinverfrachtet wurde. Aus dem Nebenfenster hält die Bäuerin einen Schwatz mit der Nachbarin: Ob sie auch von der Massen-Evakuierung in Prag gehört habe. Nee, das Wasser solle doch jetzt stehen bleiben, sagt die andere. Und dann sinken. Hoffentlich.

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