Zeitung Heute : Von "Tagesschau" bis "Liebe Sünde"

KURT SAGATZ

TV-Stationen erobern das Internet / Online-Auftritt ist mehr als eine Prestige-FrageVON KURT SAGATZ

Die Qualität läßt noch zu wünschen übrig.Die zum Abruf von der letzten Tagesschau-Sendung bereitstehenden Videoclips verdienen den Beinamen "Daumennagel-Kino", denn viel größer sind die kleinen, ruckelnden Bilder nicht.Die Sprachausgabe ist kaum besser und erinnert an die ersten Versuche, einen Computer sprechen zu lassen.Dennoch ist dem Ersten mit "tagesschau.de" ein Durchbruch geglückt: Mußten im behäbigen Internet bislang die entsprechenden Video- und Audiodateien erst komplett auf die Festplatte geladen werden, was meist mehrere Minuten dauerte, so ruckeln die Clips jetzt schon nach wenigen Sekunden los, und das nicht nur bei einer ISDN-Verbindung.Der Trend ist damit vorgeben, das Internet ist dem vielbeschworenen Video-on-demand ein Stück näher gekommen. Im Internet liegt gerade für die elektronischen wie Rundfunk und Fernsehen die Zukunft und somit ein strategisches Geschäftsfeld.Derzeit stecken die Angebote allerdings noch in den Kinderschuhen, auch wenn für einige Sendungen wie die Harald-Schmidt-Show im Internet bereits kräftig die Werbetrommel gerührt wird und die ersten Sender wie RTL2 bald den ersten Online-Geburtstag feiern.Insgesamt lauten die gängigen Vokabeln aber eher "In Vorbereitung" und "Beta".In wenigen Tagen, mit dem Beginn der CeBIT Home, die sich gerade im Online-Geschäft zu einer kleinen Funkausstellung mausert, werden diese Bausstellenschilder jedoch endgültig von den Seiten verschwinden, dann wird mit großem Tamm-Tamm der offizielle Startschuß des Internet-Engagements abgefeuert. Wie wichtig der Auftritt im weltumspannenden Netz ist, zeigt auch der Kasten mit den Internet-Adressen der Sender.Aus dem ARD-Verbund verfügen nur noch NDR und ORB über kein eigenes Internet-Angebot, alle anderen betreiben entweder allein oder mit einem Partner ein entsprechendes Angebot mit einer eigenen Domain, also einer eigenen Adresse. Wie wichtig in Zukunft das Thema Partnerschaft sein kann, exerziert derzeit das ZDF vor.Anders als die Konkurrenz der ARD haben sich die Mainzer vom olympischen Start weg eng an eine potente Softwarefirma angelehnt.Zusammen mit Microsoft, das gerade jetzt zu einer beispiellosen Aufholjagd um Marktanteile im lukrativen Internet-Geschäft angesetzt hat, wurden World-Wide-Web-Seiten erstellt, die sich auch im internationalen Vergleich sehen lassen können, während in der ARD der richtige Internet-Auftritt offenbar Glücksache ist.Netzkundige werfen dem ZDF zwar vor, der Einfluß von Microsoft bei der Seitengestaltung sei zu dominant, die Ähnlichkeit mit dem Micrsoft-Network (MSN) zu groß.Dafür werden auf der ZDF-Seite aber alle multimedialen Fähigkeiten moderner Internet-Browser eingesetzt und zudem profitiert das ZDF werblich von der Anbindung des eigenen Angebotes an das MSN. Was die Öffentlich-rechtlichen im Internet können, schaffen die Privaten auch, natürlich etwas bunter und greller als ARD, ZDF, 3Sat oder Arte.Beispiel Pro 7: Vor rotem Hintergrund befindet sich ein virtuelles Kino mit allerlei Werbung für eigene Angebot wie den Pro-7-Club, aber auch für Langnese-Eis, die Deutsche Telekom, die CeBIT Home und Coca-Cola.Kommerz wird bei den Privaten halt etwas größer geschrieben.Wer Aufmerksamkeit erregen will, muß auffallen, darum blinkt bei Pro 7 auch das Schiffssymbol des Clubs oder der Kußmund der "Liebe-Sünde"-Seite - dem Lifestyle-"Journal zur Sexualität". Alle Sendeanstalten arbeiten mit Hochdruck an ihrem Online-Auftritt.Daran führt kaum ein Weg vorbei, schließlich ist nicht ausgeschlossen, daß in absehbarer Zeit Fernsehen und Internet zusammenwachsen.Fraglich ist jedoch, ob wirklich neben der ARD noch jedes regionale Rundfunkhaus mit teilweise mehreren, nicht aufeinander abgestimmten Inhalten das Netz bereichern müssen.Denn eins ist sicher: Den Löwenanteil des Etats der öffentlich-rechtlichen Internet-Angebote werden wiederum die Gebührenzahler tragen müssen - unabhängig davon, ob sie nicht auch in diesem Medium die Angebote der privaten Konkurrenz vorziehen.

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