Von TISCH zu TISCH : Corroboree

Ach, könnte man Durchreisender sein in der eigenen Stadt, unbefangen und naiv sich an den buntesten Plätzen niederlassen, das glitzrig Neue hemmungslos genießen.

Elisabeth Binder
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CorroboreeFoto: Doris Spiekermann-Klaas

Ach, könnte man Durchreisender sein in der eigenen Stadt, unbefangen und naiv sich an den buntesten Plätzen niederlassen, das glitzrig Neue hemmungslos genießen, von den ausgetretenen eigenen Pfaden abweichen auf die prächtigen Strecken der Touristen. Warum eigentlich nicht mal, zur Abwechslung? Zwar spricht alle Vernunft dagegen, ein riesiges, zweistöckiges High-Tech-Lokal zwecks Einnahme einer vernünftigen Mahlzeit aufzusuchen. Aber das Corroboree am Potsdamer Platz ist oft ziemlich voll, lockt mit australischer Küche und sieht mit den orangefarbenen Windlichtern auf den Tischen trotz der Größe irgendwie anheimelnd aus. Zwischen schlichten Holztischen sind loungige Sessel- und Sofaecken zum Essen, Lümmeln und Ausruhen arrangiert. Der Ausblick auf die wuselige Sony-Seite des Potsdamer Platzes ist tatsächlich hübsch. Das muss man sich auch als Ureinwohner mal gönnen.

Das Personal ist noch entspannter als die vielen jungen Gäste. Den Blick ins Nirgendwo haben die Kellner offenbar gut trainiert. Hat man sich erst mal ihre Aufmerksamkeit erwunken, können sie aber durchaus hilfsbereit sein. So kamen wir irgendwann an eine Speisekarte und erfuhren, dass der Name „Corroboree“ ein australischer Ausdruck fürs Feiern ist. Allerdings prickelte der Aussie-Sekt so schlaff und süßlich vor sich hin, als sei die Party längst zu Ende (5 Euro). Viel besser war der tiefdunkelbeerige 2005er Mancini Cabernet Merlot aus New South Wales. Da konnte man von fern sogar das Fass erahnen (24,60 Euro).

In der Thai Vegetable Soup waren einige komplett unzerkaubare Zutaten, das verlieh ihr geradezu was Echtes. Sie war zudem schön scharf, und es gab neben holzigen Bambusstöckchen, runzeligen Ingwerscheiben und festen Limeblättern auch weiche Cherrytomaten und Pilze darin (4,70 Euro). Geschmacklich gut, in der Einlage ausbaufähig. Zu den Veggie Sticks, Stöckchen aus Kohlrabi, Möhren und Sellerie, gab es eine schöne Knoblauchsauce und einen etwas gewöhnungsbedürftigen Asia-Joghurt-Dip (3,35 Euro).

Blackened Chicken kommt eigentlich aus der kreolischen Cajun-Küche, firmiert hier aber unter dem Motto „Aussie for BBQ“. Das Fleisch ist halbwegs zart und in Honig und japanischer Sojasauce einigermaßen ungekünstelt zubereitet. Gut ist das knackige Wokgemüse, das die beiden Hühnchenfilets von den schlaffen, etwas verkühlten Aussie Cut Fries separiert. Nachsalzen dringend erforderlich (10,90 Euro).

Das vegetarische „Sweet Potatoe Curry“ schmeckte an diesem Abend noch am besten. In der Mitte ein großer Kuchen Macadamia-Reis mit gaaaaanz viel Reis und vier Hälften von der kostbaren Macadamia-Nuss obenauf. Die fruchtigen Süßkartoffelwürfel waren in einer nicht gerade leichten Kokossauce mit Kichererbsen und Spinat drum herumdrapiert, das schmeckt plausibel bis ganz gesund (8,90 Euro). In der Richtung hätten ruhig noch ein paar mehr Gerichte angeboten werden können. Stattdessen kokettiert man mit Krokodil und Känguru, beides nicht neu und auch nicht mehr exotisch. Das Krokodil, das nicht nach zähem Hühnchen schmeckt, haben nicht mal die Hexenmeister der Convenience-Fabriken bislang erschaffen können, und Känguru mag ich nicht mehr essen, seit ich mal eines gestreichelt habe. So viel Zartgefühl gestatte ich mir auch deshalb, weil es zum Verzehr geeigneteres und zarteres Fleisch gibt.

Zum Dessert probierten wir eine riesige Portion „Death by Chocolate“, für die ich selber schon deshalb auf keinen Fall sterben wollen würde, weil die Sahne schmeckte wie aus der Tube gedrückt und die darüber fabrizierte Schokoladensauce ebenso. Die Schokoladenbrownie-Dreiecke waren kalt und nichtssagend und das Schokoladeneis hatte einen Abgang von Industrie (4,80 Euro).

Am Morgen danach mischten sich die Worte ordinary (wie schlicht) und ordinär (wie gewöhnlich) zur dominierenden Erinnerung an den Abend. Der hatte allerdings ein Gutes: Der Neid auf die Touristen, die es so schön bunt haben bei uns in der Stadt, hält sich wieder in Grenzen.

Corroboree, Sony Center am Potsdamer Platz, Tel. 261 01 705, geöffnet täglich 9 bis 24 Uhr.

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