Zeitung Heute : Von Tisch zu Tisch: Il Calice

Bernd Matthies

Ja, da wächst sie, die Metropole, und wir wissen noch nicht genau, ob wir das nun als Gewinn an städtischer Lebensqualität werten sollen oder als Verlust des vertrauten Soziotops. Speziell den Zeitgenossen mit ausgeprägter Restaurantphobie dürfte langsam schwummerig werden angesichts der vielfältigen Kristallgläser, der adrett eingedeckten Tische und der Heerscharen von Kellnern. Understatement auch bei gehobener Qualität - das war einmal und gehörte zum alten West-Berliner Lebensgefühl so innig wie Landowsky & Pfitzmann. In diesem Sinne passte auch die erste echte Vinothek der Stadt ins Schema: Die komplette Toskana-Fraktion drängelte sich in den frühen Neunzigern im winzigen "Calice" in Charlottenburg, jenem Betrieb, der auf, natürlich, italienische Art den weiten Raum jenseits der spießigen deutschen Weinstube erkundete.

Diese kleine, bei aller Qualität irgendwie kneipige Institution ist nun umgezogen und hat sich in einer Weise gewandelt, die es schwer macht, auf Dröhnvokabeln zu verzichten und nicht von Paradigmenwechsel zu schwadronieren. Hans Kollhoff, der Architekt des wegen seiner Strenge umstrittenen Walter-Benjamin-Platzes, hat der neuen Calice ein fast ebenso strenges, aber ohne Zweifel mehrheitsfähiges Gewand verpasst: Bitte sehr, die Großstadt-Enoiteca. Zwei Stockwerke, stilvoll dunkles Holz, herumflitzende Kellner, eine mächtige Säule im Zentrum. Ein Restaurant im strengen Sinn ist trotzdem nicht draus geworden, denn die eigentlichen Hauptgerichte spielen weiter eine Nebenrolle. Im Vordergrund steht, was aus der unergründlichen Vitrine kalt auf riesigen Holzbrettern angerichtet wird. "Tajer Degustazione" heißt das wie bisher: die Möglichkeit, in vielen Varianten vor allem auszuprobieren, wozu die kleinen italienischen Wurst- und Schinkenproduzenten fähig sind.

Und sie sind zu Dingen fähig, die auch den besten deutschen Fleischermeistern wohl ewig unerreichbar bleiben werden. Keine einebnenden Räucheraromen, keine säuerlichen Untertöne, kein penetrant hervorstechendes Fett. Stattdessen charaktervolle, durch lange Lagerung betonte Aromen, subtile Nuancen, sanftes Salz bei Coppa und Schinken, Salami und Bresaola und... Bei den Käsen sieht es nicht anders aus, und die Calice-Küche steuert zu den großen Platten auch noch Carpaccio, Vitello tonnato und Vitello al pesto in einer Qualität bei, die auch in den guten italienischen Restaurants nicht selbstverständlich ist; die Gemüsezubereitungen schienen uns weniger zwingend, teils schon verbitternd stark angebraten. Ein Querschnitt durch alles kostet zwischen 13 und 16 Euro, das ist die Sache uneingeschränkt wert. In Verbindung mit den ausgezeichneten Weinen - Schwerpunkt Friaul, Piemont, Toskana - die ideale Problemlösung für die notorische Wo-können-wir-denn-noch-eine-Kleinigkeit-essen-Situation. Ein feiner, charaktervoller Sauvignon blanc von Ronco del Gnemiz kostet 33 Euro. Sehr gute Offene!

Wenn ich jetzt das restliche Speisenangebot hinten anhänge, dann deckt sich das mit dem Konzept des Betriebs. Denn da gibt es gute, originelle Sachen, die aber ohne letzten Ehrgeiz angerichtet werden. Ein paar Stücke Fisch und Meeresfrüchte auf cremiger Polenta, ein paar trockene, zu sehr durchgegarte Rotbarbenfilets zu schön herben Radicchio-Ravioli (um 12 Euro), außerdem jeweils maximal vier "Secondi", also echte Hauptgerichte im teutonischen Sinn (um 20 Euro). Gut gefielen uns die Desserts, leichtes, nicht zu süßes Tiramisu oder ein Birnen-Schokoladentörtchen mit Grappa-Moscato-Sorbet. Alles wird nach Landessitte von einem gut eingespielten Service gebracht, der erst richtig zu voller Form aufläuft, wenn der Laden brummt. Das tut er von Anfang an, und das ist auch gut... Entschuldigung. Sagen wir: Endlich mal wieder was Neues im alten Westen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben