Von Tisch zu Tisch : Restaurant Philippsthal

Schon wieder nach Brandenburg? Doch, das muss jetzt sein.

Bernd Matthies
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Restaurant Philippsthal, Philippsthaler Dorfstraße 35.Foto: Mike Wolff

Schon wieder nach Brandenburg? Doch, das muss jetzt sein. Denn ich habe zum ersten Mal seit mehreren Jahren den Eindruck, dass sich draußen im Lande kulinarischer Ehrgeiz regt, dass Speisekarten überarbeitet und neue Konzepte konzipiert werden.

Sollte das eine Folge der Wirtschaftskrise sein, dann hat sie sich unter diesem Aspekt schon als überraschend nützlich erwiesen. Denn dies dürfte zumindest der Zeitpunkt sein, an dem die Gäste verstärkt darüber nachdenken, ob sie ihr gutes Geld ausgerechnet für Convenience-Friteusen-Küche rauswerfen, die sich schon vor dem Haus durch ihren Gestank und auf der Karte durch ihre Langeweile zu erkennen gibt. Gut oder gar nicht – das setzt sich hoffentlich durch.

Einer, der schon immer besser kochen wollte im sonst kulinarisch weitgehend brach liegenden südlichen Speckgürtel, ist Guido Kachel, der Chef des „Theodore F.“ in Groeben, das trotz gelegentlicher Schwankungen immer einen Besuch lohnt. Offenbar war er dort so erfolgreich, dass nun ein zweites, wie ich finde, noch hübscheres Restaurant ein paar Dörfer weiter hinzugekommen ist. Die Schlüsselfrage für die Zukunft dürfte sein, wo er denn nun selbst am Herd steht; ich kann sie nicht beantworten, denn beide Speisekarten sind verschieden bestückt, aber stilistisch wie preislich sehr ähnlich angelegt.

So oder so: Mir hat es in Philippsthal insgesamt sehr gut gefallen. Das Restaurant ist ein adrettes, in den Schatten der kleinen Küche geducktes Backsteinhaus mit kleiner Terrasse, drinnen schlicht kitschfrei, aber mit offener Küche durchaus anheimelnd eingerichtet. Beim Essen ist man auf dem richtigen Kurs; man könnte dies oder das sicher noch besser machen, aber angesichts der Preise, die bei 6 Euro für Suppen beginnen und bei 21 Euro für ein Steinbuttfilet als Hauptgang enden, ist das Optimum schon nahezu erreicht (vier Gänge: 38,50 Euro).

Vor allem: Hier wird endlich einmal herzhaft gewürzt, hier schmecken die Sachen nach was und hauchen nicht ihr Leben bei der rituellen Suche nach dem Eigengeschmack in Fadheit aus. Thunfisch, gottlob noch gerade eben rosa, auf Spargelsalat, eine kernig-aromatische, mit viel Kartoffeln auf Volumen getrimmte Bouillabaisse mit köstlicher Safran-Mayonnaise, Kaninchenterrine (guter Geschmack, etwas krümelig, zu wenig Fett) mit marinierten Gemüsen und Senfkörnerchutney, Ragout von Kalbsherz und -niere mit Balsamico – derlei Originelles geht hier als Vorspeise heraus und passt genau zu den Erwartungen, die ein anspruchsvoller Landbesucher dort drunten haben sollte. Endlich mal nicht nur langweilige Salate!

Ähnlich fällt die Diagnose für die Hauptgerichte aus. Wir probierten Beelitzer Kaninchen, gefüllt, mit Spitzkohl und Rahmlinsen, Entrecote bemerkenswert guter Fleischqualität und, hinreißend gelungen, saftigst-zarte Kalbsleber auf sahnigem Kartoffel-Lauchragout. Nicht einmal bei den Desserts gab es einen merklichen Qualitätseinbruch, sieht man davon ab, dass die geschmacklich guten Schokosouffles auf dem Weg zum Tisch zusammenfielen wie ein schlechter Business-Plan. Kann passieren. Selbst die an sich banale Crème brûlée bestach durch rare Geschmeidigkeit und ein köstliches Ingwereis.

Bemerkenswert ist ferner, dass die Kellnerinnen nicht nur herzhaft zur Sache kommen, sondern auch Bescheid wissen und die Kreationen des Küchenchefs mit geradezu pädagogischer Inbrunst anpreisen – ein seltener Grad der Identifikation in Brandenburg, dem Mutterland der stumpfen Tellerreinbringer. Kategorische Feinschmecker werden vermutlich bemängeln, dass die Weinkarte noch recht klein ausfällt. Aber was drauf steht, geht voll in Ordnung, beispielsweise der „Grau-Weiß“ des württembergischen Aufsteigers Rainer Schnaittmann, eine Cuvée aus Weiß- und Grauburgunder, die für 38,50 Euro günstig kalkuliert ist; es fängt bei rund 20 Euro für die Flasche an, günstige Schoppen sind ebenfalls zu haben.

Noch Fragen? Ich werde gern mal wieder hinfahren. Hoffen wir, dass der Küchenchef durch fleißiges Pendeln beide Restaurants auf gutem Niveau halten kann.

Restaurant Philippsthal, Philippsthaler Dorfstraße 35, Telefon (033200) 52 44 32, täglich ab 12 Uhr.

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