Von TISCH zu TISCH : Weingrün

Gebackene Blutwurstknödel

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Rotisserie Weingrün, Gertraudenstraße 10, Mitte, Tel. 206 219 00, geöffnet Montag bis Samstag ab 17 Uhr. Foto: Kitty...

Trampelpfadlagen sehen anders aus. Abseits vom Nikolaiviertel, schräg gegenüber der Fischerinsel, befindet sich die Rotisserie Weingrün. Backsteine fügen sich unter der Decke zu hübschen Bögen und wärmen die Kühle der hellen Marmorwände. Die Rückwand brüstet sich mit einer ganzen Reihe viel versprechend aussehender gläserner Bottiche, aus denen die Kellner immer wieder köstlich duftende Brände in Digestifgläser abzapfen. Große Fenster lüden ein zum Jahrmarkt der Eitelkeiten, wenn es draußen nur ausreichend Passanten gäbe. Als Kontrast dazu vermitteln die grauen Sitzkissen auf den Bänken Sehnsucht nach bürgerlichem Behagen. Auf den blanken Tischen signalisieren offene Schälchen mit grobem Salz und Flaschen mit Olivenöl Ambition. Dieser Eindruck vertieft sich mit dem frischen, hausgemachten Graubrot und den hausmarinierten Oliven in der interessantesten Farbe Grün, die mir seit langem begegnet ist.

Die Vorspeisen erschlagen einen mit Worten, erweisen sich dann aber als überraschend zart. Die beiden „gebackenen Blutwurstknödel mit schlotzigem Rahmsauerkraut“ sind deutlich kleiner als Flummis, außen knusprig wie Krokant und innen tiefschwarz und weich wie ein Schokotrüffel, nur natürlich viel pikanter. Das schlotzige Kraut rahmt schon recht mächtig, was in der dezenten Portion aber gut zu verkraften ist (11 Euro). Zum knackigen Chicoreesalat mit Nüssen und Orangenfilets gibt es gute gebratene Jacobsmuscheln (12 Euro).

Der Flammenwand-Grill liefert die Hauptgerichte, zum Beispiel das halbe Paderborner Masthähnchen, das mit verschiedenen Saucen und Beilagen kombinierbar ist. Obwohl die Karte gar nicht sehr groß ist, setzen die Betreiber aufs Baukasten-Prinzip. Es ist kein sensationelles Hähnchen, bei dem man die „kontrollierte Aufzucht“ auf Anhieb herausschmecken würde, aber es ist zart und fleischig und pikant gewürzt (13 Euro). Der gegrillten Polenta-Schnitte mit Limonenöl fehlte freilich das italienische Temperament, die Saftigkeit – die war uns zu preußisch hart (3 Euro). Zum Mixed Grill wurden statt einer auf Anfrage auch drei Saucen serviert. Ein etwas verknubbeltes kleines Entrecote, Paderborner Hähnchenstücke, wie oben beschrieben, nur entsprechend weniger mit kleinen Knochenstückchen drin für den authentischen Eindruck und sehr saftige Schweinsbrat’l-Scheiben mit köstlich krosser Kruste bestritten den Fleisch-Part des Gerichts. Die Béarnaise war die beste der Saucen, gefolgt von der Barbecuesoße. Die Knoblauchmayonnaise schmeckte diplomatisch neutral nach praktisch gar nichts. Dazu kamen gute Kräuterkartoffeln in der Schale und außerdem ein Blattsalat mit einem weißen, hausgemachten Spezialdressing, das anheimelnd wirkte, wie eine Hausfrauen-Variante der Steakhouse-Dressings (22 Euro). Wer kein Fleisch mag, hat die Wahl zwischen einem vegetarischen Gericht und einer ganzen Dorade.

Bei den Desserts hatten die frühen Gäste schon mächtig aufgeräumt. Uns blieb immerhin das sogenannte Käseduell, Kuh gegen Ziege, aus dem beide als Gewinner herausgingen.

Da das Restaurant eng mit dem Weingut Horcher in der Pfalz verbunden ist, hielten wir uns an die Hausweine. „Horcher popt Weiß“ ist laut Karte maßgeschneidert für dieses Essen und passt auf eine lässig trockene Art recht gut dazu (25 Euro). Auch der rote Horcher aus Cabernet und Merlot war in Ordnung (0,25l für 6 Euro), und der Rieslingsekt aus eigenem Anbau war schön trocken mit wenig Säure (0,1 l für 5 Euro). Die umfangreiche Weinkarte mit vielen liebevollen Erläuterungen zu Lagen und Winzern ist gut geeignet, die Rotisserie über Nacht auch mal in eine Weinstube zu verwandeln. Am besten aber waren die Obstbrände von verschiedenen Weingütern, schon der Duft wie ein Gang durch einen Obstgarten zur Zeit der idealen Reife. Marille, Trester, Quitte, damit könnte man glatt ein eigenes Mahl bestreiten (2 bis 3 cl für 6 Euro). Aber das Fleisch ist am Ende doch gesünder. Chef-Rotisseur Heinz Klement hat jahrelang die Tagesspiegel-Kantine betrieben. Jetzt zeigt er endlich, was in ihm steckt.

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