Zeitung Heute : Von Utopia bis Vegas

G,OLF S.FREYERMUTH

Der Cyberspace boomt und ist ein Rummelplatz für Otto Normalverbraucher.Von GUNDOLF S.FREYERMUTHSupermalls und Erlebnisparks, Spielerparadiese und Sex-Center schießen aus dem Boden.Kaum etwas, das sich derweil online nicht finden ließe: Steaks und Steuerberatung, Live-Psychotherapie und Investitionshilfen von neuronalen Netzen, Strip-Shows und Websoaps, mit deren Charakteren interagiert wird.Kurzum: Jede Sorte feuchte Träume und glänzende Geschäftsgelegenheiten.Der Cyberspace boomt und ist ein Rummelplatz für Otto Normalverbraucher. Was aber geschieht dabei mit den wilden Stämmen und Pionieren, die den globalen Datenraum zuerst kolonisierten, mit Cyber- und Cypherpunks, mit Verschwörungs- und Verbrüderungssüchtigen, mit Ufologen, Technopaganisten, Extropianern? Denn deren wundersame Freiheit samt dem intellektuell hohen und zum common sense ver-rückten Niveau war ein Beiprodukt der Isolierung von der Bevölkerungsmehrheit.Nun folgen der Avantgarde die Millionen, und damit dringen auch Zäunezieher und Nivellierer vor, Geschäfte- und Gesetzemacher. Die Popularisierung der Orte, an denen sich zukunftsträchtige Szenen versammelten, bedeutete noch stets deren Verdrängung.Ob Haights-Ashbury oder Carnaby Street, ob Torremolinos oder Matala, ob Soho in London oder SoHo in New York ­ bei Ankunft der Vielen mußten die Wenigen weichen, mit denen alles begonnen hatte.Was bewunderte Bewegung gewesen war, verkam zur begehrten Immobilie, und mit dem Verlust des Standorts zerstreute sich das kreative Potential.Aufbruch versickerte in Ausverkauf.Daß die Geschichte der Subkulturen sich wiederholte, hatte jedoch einen simplen Grund: Die physische Realität leidet unter chronischem Platzmangel.Beste Lagen sind rar.Im virtuellen Cyberspace hingegen ist Raum für alle ­ jederzeit und überall.Seine Subkulturen verloren denn auch im Gefolge der Internet-Bevölkerungsexplosion nur prozentualen Anteil; die Zahl der Geeks und Freaks wuchs selbstverständlich nicht im selben Maße wie die "normale" Online-Population.An keiner Stelle jedoch mußte die Avantgarde der Masse weichen.Im Gegenteil: Statt wie frühere Subkulturen dem Boom zum Opfer zu fallen, profitiert die Szene von ihm und expandiert.Rund um den Globus werden heute mehr Menschen denn je mit den Ideen des High-Tech-Undergrounds konfrontiert. Was man dort vor ein paar Dutzend Monaten propagierte, geistert heute als Schreckgespenst durch Talkshows und Leitartikel: die Migration weiter Wirklichkeitsbereiche in den Cyberspace; die Auflösung der Nationalstaaten und Überantwortung ihrer Dienstleistungen an den freien Markt, von der privaten Raumfahrt über privates elektronisches Geld bis zur Privatisierung von Justiz und Exekutive. Und wovon die Cyberelite heute schwärmt, die Selbst-Evolutionierung des Homo sapiens, seine Integration in die wuchernde Technosphäre und die Integration der neuen Technik in den menschlichen Körper, das wird die Massen dann demnächst ergreifen.Und erschrecken. Der Autor ist Freier Journalist und Buchautor und lebt in den USA.

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