Zeitung Heute : Vor 25 Jahren: Francos neues Heer

Ralph Schulze

Eisiger Wind fegt über den Aufmarschplatz in den Bergen. Die Besucher frösteln. Im Rücken, 50 Kilometer südlich, Spaniens Hauptstadt Madrid, wo dieser Tage 25 Jahre Demokratie gefeiert werden. Vor den Augen das riesige Grabmonument des Diktators Francisco Franco, mit dessen Tod am 20. November 1975 Spaniens Freiheit begann. Zehntausende marschieren an diesem Wochenende an der Grabplatte vorbei, um noch einmal die Diktatur zu bejubeln.

"Es werden wieder siegreiche Fahnen wehen", singen sie und stellen sich zum Gruppenfoto vor dem Eingang der Grabstätte auf, die rechten Hände steil in den blauen Himmel gereckt. Junge Männer mit Glatzen, Springerstiefeln und Bomberjacken, alte Kriegsveteranen mit Krückstöcken, vornehme Frauen in Pelzmänteln, Familien mit kleinen Kindern: Am Todestag des "Caudillos", des Führers, zeigt Spaniens Rechte, wie lebendig sie noch ist.

Plötzlich weichen die Massen zur Seite, bilden eine Gasse. Beifall braust auf. "Bravo, bravo." Der Empfang gilt den Helden dieses Tages. Ein Dutzend Überlebende der "Division Azul" schleppt sich heran. Sie alle sind über 80, gebrechlich, grau in den Gesichtern, die sie hinter Sonnenbrillen verstecken. Sie krächzen die Kriegshymne "Das Gesicht zur Sonne" und haben grüne Kränze mitgebracht, die sie später auf dem Grabstein niederlegen werden. Rund 47 000 Männer hatte Franco seinem Gesinnungskumpan Adolf Hitler an die Ostfront zu Hilfe geschickt.

Den Veteranen folgt der Ehrengast: die einzige Tochter Francos. "Carmencita, Carmencita", tönt es. "Carmencita" - das ist der Vorname dieser recht betagten blonden Frau. Sie wird von jungen kahlgeschorenen Leibwächtern abgeschirmt. Sie tragen Armbinden, ganz so wie Hitlers zivile Hilfstruppen. Nur dass hier der schwarze Franco-Adler auf rot-gelb-rotem Grund prangt. Ringsum weht ein Meer von Fahnen auf dem Platz, Fahnen der Falange, der Franco-Einheitspartei. Auch ein paar Hakenkreuze flattern. "Unsere Freunde aus Deutschland und Österreich", erklärt bereitwillig einer der Ordner.

Die Gruft, vor der sich die makabre Szene abspielt, liegt im "Valle de los Caidos", dem Tal der Gefallenen, rund 1000 Meter hoch in der Sierra im Norden Madrids. Ein faschistischer Größenwahn aus 200 000 Tonnen Granit: 270 Meter tief wurde eine Basilika in den Berg getrieben, unter deren 42 Meter hoher Mosaikkuppel der "Caudillo" ruht. Oben auf dem Gipfel thront ein 150 Meter hohes Steinkreuz.

Tausende Zwangsarbeiter schufteten hier von 1940 an, ein Jahr nach Ende des spanischen Bürgerkriegs. Ihr Werk, Symbol von 46 Jahren Unterdrückung und totalitärer Herrschaft, wird von der Guardia Civil, der ehemaligen Franco-Polizei, bewacht. Es gilt bis heute als Staatsmonument "für die Gefallenen des Bürgerkrieges" - an dem nicht einmal linke Politiker zu rütteln wagen.

"Wir fahren jedes Jahr hierhin", erzählt strahlend ein 40-jähriger elegant gekleideter Mann, der mit Frau und heranwachsender Tochter zur Gedenkmesse in Francos Basilika gekommen ist. Über seinem schwarzen Mantel trägt er einen rot-gelb-roten Schal mit dem Wappen des Führers. Seine Tochter schwingt eine Flagge, auf der metergroß das Konterfei des Diktators prangt.

Lange Schlangen haben sich vor der Basilika gebildet, in der die Mönche des benachbarten Benediktinerklosters die Ehrenmesse für Franco halten. Blumen türmen sich über der tonnenschweren Grabplatte. Eine alte Frau kniet nieder und küsst den Boden, Veteranen murmeln ein Gebet: "Wir danken Dir, unser Herr. Amen."

Spaniens Kirche war immer auf der Seite Francos. Und der Glaube an die gemeinsame Sache hält die Amtskirche und Spaniens Faschisten bis heute zusammen. "Wir sind gute Christen", sagt Alfonso Vaz, ein Mann von vielleicht 50 Jahren, der aus Südspanien angereist ist. "Und wir werden den Caudillo niemals vergessen." Auch wenn sie heute beschimpft und beleidigt würden, und die Rechten derzeit in Spanien nur eine Minderheit seien. "Wir werden warten - und irgendwann wird unsere Stunde kommen."

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