Zeitung Heute : Vor Aktien warnen

Till Hein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Meine Bekannten kaufen jetzt alle Aktien. Jedenfalls alle, die Geld haben. „Gestern hab ich wieder 1000 Euro verdient, ohne einen Finger zu rühren!“, erzählen sie. Besonders clever sei es derzeit, Sonnenstrom-Aktien zu erwerben. Wahrscheinlich sind die morgen nichts mehr wert, denke ich. Das ist ja der Witz an der Börse. Meine Bekannten behaupten, sie hätten alles im Griff. Soll einer sagen, die Berliner seien Pessimisten!

Mir sind Aktien unsympathisch. Man sollte sein Geld durch ehrliche Arbeit verdienen, nicht dadurch, dass andere Menschen schuften. Es ist doch auch befriedigender, selbst aufs Matterhorn hinaufzukraxeln, als sich von Ein-Euro-Jobbern hinauftragen zu lassen. Selbstverständlich habe ich das Matterhorn nie bezwungen. Aber so denke ich mir das.

Meine Bekannten haben übrigens auch einmal Karl Marx gelesen. Viele von ihnen fanden Aktien übel, als sie sich noch keine leisten konnten. Irgendwie sei Börsenspekulation „doch auch Arbeit“, behaupten sie: Man beobachte den Markt, reagiere geschickt. „Genau“, sage ich: „Kriege zum Beispiel bieten oft ganz neue Optionen an der Börse.“

Die Aktienbesitzer sagen, ich würde sowieso immer zynischer. Aber ich kann da nicht aus meiner Haut: Wertpapiere sind genauso unsympathisch wie Pelzmäntel. „Glaubst du, Schweine sterben lieber als Nerze?“, fragte K. neulich. K. kennt meine Essgewohnheiten. „Und Lederjacken?“, legte sie nach. Punkt für mich: Ich besitze keine Lederjacke. Wär’ ja noch schöner! Die armen Tiere! Als K. weg war, habe ich mit U. weiter über Pelzmäntel abgelästert: Diese Mischung aus Tierverachtung und Reichtumsgeprotze! Eine Lederjacke vom Flohmarkt hingegen können sich zumindest auch Mittelschichtler leisten. Genau! Und als Mann will man ja sowieso keinen Pelzmantel tragen. U. ist ein Seelenverwandter! Schade, dass er jetzt auch Aktien gekauft hat. Es gibt immer weniger gute Menschen in Berlin.

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