Zeitung Heute : "Vor allem Männer scheuen bei Sorgen den Griff zum Telefon"

BORIS REITSCHUSTER (brr/akr)

Ob Seelsorge, Schwulenberatung oder Aids-Hilfe: Seit Freitag kann jeder Ratsuchende im Internet per Tastatur und Mausklick Hilfe in allen Lebenslagen bekommen.Ein privater Berliner Radiosender und eine Medienagentur bieten in ihrer "virtuellen Kommune" unter anderem digitale Sprechstunden bei Pro Familia, der Telefonseelsorge und der Lesbenberatung an.Unter der Netz-Adresse " http://www.beratung.das-berlin.de " können Hilfesuchende völlig anonym um eine Unterhaltung per Tastatur bitten.Die Betreiber der Beratungsstellen hoffen, daß die neue Form der Beratung im Netz die Hemmschwelle senkt.In die virtuelle Sprechstunde kommen auch Menschen, die aus Scheu nie zu einem Beratungsgespräch bereit wären, sagt etwa Eberhard Wolz von der Familienhilfsorganisation Pro Familia.

Wer über das Internet einen "Zuhörer" sucht, kann unter der Internet-Adresse per Tastatur einen "Sprechstundentermin" vereinbaren - auf Wunsch auch unter einem Phantasie-Namen.Der Ratsuchende muß dann nur noch pünktlich "online gehen", also sich wieder ins Netz einwählen.Der Berater sitzt dann schon am anderen Computer bereit.Der Text auf dem Computerbildschirm ist alles, was die beiden "Gesprächspartner" in der Internet-Beratung voneinander wissen.Dank einer besonderen Technik sei die Verbindung dabei völlig "anonym und abgeschirmt", versichert Andy Wimmer von der Medienagentur "zone 35": "Da kann keiner reinschauen.Das ist ein System, so sicher wie beim Computer-Banking."

Trotz solcher technischer Finessen reagierten die Beratungsdienste zuerst skeptisch auf die Internet-Idee: "Es gab Angst vor Spaßvögeln, die das Angebot mißbrauchen", berichtet Wimmer.Was tun, wenn sich nach einstündiger Netz-Unterhaltung bei der Lesbenberatung herausstellt, daß am anderen Computer in Wirklichkeit ein Mann saß, fragten die Psychologen."Wenn einer das tut, dann ist er doch am rechten Platz, dann hat er doch wirklich ein Problem und braucht Beratung", entgegnete Wimmer den Beratern.Das Argument leuchtete ein, und die Organisationen zogen mit.

Die Zahl der "Spaßvögel" hält sich in Grenzen, wie Eberhard Wolz von Pro Familia berichtet.Mit der Live-Beratung im Internet fängt Wolz zwar erst an, aber er hat bereits reichlich Erfahrung mit "e-Mail"-Beratung, also mit elektronischen Briefen im Netz.Die virtuellen Fragen etwa zur Verhütung und zu Sexualpraktiken seien weitaus direkter und ungenierter als im echten Gespräch.Allerdings müssen Wolz und seine Kollegen im Internet mit einem rauhen Umgangston kämpfen: "Die Sprache ist manchmal rotzig, oft flapsig, gelegentlich ordinär.Oft ist es schwierig, zu entscheiden, wie ernst es einer meint." Wenn es sich wirklich um Sachfragen handelt, ist das Internet ideal, meint Wolz: Jede Menge Informationsmaterial läßt sich per Mausklick versenden.Bei so schwierigen Fragen wie etwa einem Schwangerschaftsabbruch sei das persönliche Gespräch aber durch nichts zu ersetzen.

Es sind vor allem Männer, die das Telefon scheuen und dafür lieber im Netz anonym ihre Sorgen ausschütten, berichtet Gudrun Bestens von der Kölner Telefonseelsorge, die bereits Erfahrung in der "Netz-Beratung" hat und nun auch in dem Berliner Projekt mitarbeitet."Viele haben am Telefon Hemmungen, würden sich nie beraten lassen und bleiben allein mit ihren Sorgen.Bei uns können sie erst einmal anonym einsteigen - und viele kommen dann später sogar persönlich dabei", hat Bestens beobachtet.Neben solch psychologischen Aspekten sprechen auch ganz handfeste Gründe für die Beratung im Internet, wie Michael Weiland von dem Radiosender berichtet: "Es ist billig.Da kann man sich von jedem Ort der Welt aus beraten lassen, ohne ein Ferngespräch zu bezahlen."



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