Zeitung Heute : Vor aller Augen

Die UN-Waffeninspekteure im Irak machen Fortschritte, wenn auch nur kleine – das sagten ihre Chefs Blix und al Baradei im Sicherheitsrat. Den USA reicht das nicht, sagte ihr Außenminister. Mit dieser Meinung war er in der Minderheit. Aber abfinden will sich Powell damit nicht.

Matthias B. Krause

Es hätte nicht viel gefehlt und Dominique de Villepin hätte sich von seinem Sitz erhoben, um die Ovationen stehend entgegenzunehmen. Doch der Weltsicherheitsrat ist keine Oper, auch wenn der französische Außenminister mit seinen ausdrucksstarken Gesichtszügen und seiner grauen Haarmähne wahrscheinlich auch dort eine gute Figur machen würde. Derzeit jedoch gibt de Villepin Seite an Seite mit Deutschland, Russland und China auf der Bühne der Vereinten Nationen den friedlichen Gegenspieler der Kriegsbereiten im Gremium.

Die Tonart vor dem Treffen war eine andere. Der Truppenaufmarsch der Amerikaner ist abgeschlossen und Washington wird ungeduldig, das Startsignal für einen Angriff auf den Irak zu geben. „Heute bekommen die Wiesel neue Irak-Beweise vorgelegt“, tönte die konservative Boulevardzeitung „New York Post“ am Freitag als sei es lästig, dass die alten Europäer immer noch nicht von der Gefahr, die von Saddam Hussein ausgeht, überzeugt sind. Zu der Schlagzeile stellten die Redakteure eine Fotomontage, die den deutschen und den französischen Außenminister mit Marderköpfen im Weltsicherheitsrat sitzend zeigt. Der Text sprach von den Kriegsverweigerern als „so genannte Alliierte“.

Gleichzeitig übermittelten die seriöseren Medien eine deutliche Botschaft von Präsident George W. Bush an die Delegierten. Der Rat müsste „Rückgrat“ zeigen, forderte Bush bei einem Besuch eines Navy-Stützpunktes in Florida. „Bei der Entscheidung der VereintenNationen geht es darum: Wenn man etwas sagt, bedeutet das etwas?“

Das „alte Land“ vergisst nicht

Die Antwort gab de Villepin. Nach einer kurzen Analyse, warum er Fortschritte in der Arbeit der Inspekteure sieht, schlug der Minister moralische Töne an, die bisher meistens der Delegation der USA vorbehalten waren. Von den amerikanischen Medien gerne als „Dichter“ wegen der Veröffentlichung belletristischer Werke belächelt, sagte der Franzose, sein „altes Land“ habe nichts von dem vergessen, was es den Freiheits-Kämpfern aus Amerika und anderen Ländern zu verdanken habe. „Und wir haben nie aufgehört, aufrecht für die Geschichte und die Menschheit einzustehen“, so sagte de Villepin weiter, „unseren Werten verpflichtet, glauben wir an unsere Möglichkeit, gemeinsam eine bessere Welt zu schaffen.“ Aber eben friedlich.

Zuvor hatten die Chefinspekteure Hans Blix und Mohammad al Baradei berichtet, dass ihre Arbeit zwar nur kleine Fortschritte macht, sie sich aber noch nicht am Ende ihrer Mission sehen. Die Zusammenarbeit mit Bagdad habe sich graduell verbessert. „Der Irak ließe sich immer noch in einer kurzen Zeit entwaffnen, wenn die unverzügliche, aktive und uneingeschränkte Kooperation mit dem Regime vorankommen würde“, sagte Blix. El Baradei äußerte sich ähnlich. Beide begrüßten die von Frankreich vorgeschlagene Ausweitung der Inspektionen und werteten den geplanten Einsatz von Aufklärungsflugzeugen als wichtigen Fortschritt.

„Saddam darf nicht davonkommen“

Was neben Frankreich auch Deutschland, Russland und China als Aufforderung verstehen, mehr Inspekteure zu schicken, beeindruckte US-Außenminister Colin Powell wenig. Nach dem eindrucksvollen Auftritt von de Villepin im Zugzwang, wich Powell von seinem Manuskript ab und versuchte mit einer Mischung von Fakten und Emotionen zu kontern. Saddam Hussein treibe weiter Spielchen mit der Welt. Bislang sei immer nur etwas auf Druck geschehen. „Sonst hat der Irak stets versucht zu gucken, was er unter unseren Augen hindurchschummeln kann“, rief Powell dem Gremium zu, „meine Freunde, Saddam darf nicht schon wieder davonkommen.“ Er drohte erneut „ernste Konsequenzen“ an, ohne das Wort Krieg in den Mund zu nehmen. Ihm treu zur Seite stand wie erwartet der engste Verbündete der USA, Großbritanniens Außenminister Jack Straw.

Und Fischer? Der war bereits am Morgen durch die Gänge des UN-Hochhauses am East River geschwirrt und hatte Diplomatie hinter verschlossenen Türen betrieben. Der mexikanische Außenminister, die Chefinspekteure und Powell standen auf der Liste seiner Gesprächspartner. In der Sitzung selbst blieb ihm die Rolle des Elder Statesman. Als nach dem Beitrag des russischen Außenministers zum zweiten Mal Beifall aufbrandete, scherzte der Präsident gar: „Das ist hier nicht erlaubt – auch wenn Valentinstag ist.“

Im Übrigen sah die Rollenverteilung des Tages für Fischer vor, die USA vor einem Alleingang zu warnen. Der Weltsicherheitsrat sei das einzige Gremium, das härtere Maßnahmen gegen den Irak beschließen dürfe und dafür international autorisierst sei, sagte der deutsche Außenminister. Er warnte vor den Folgen des Krieges. „Diplomatie hat das Ende der Straße noch nicht erreicht.“

Die Tauben im Sicherheitsrat gaben an diesem Tag eine gute Vorstellung ab, doch hinter den Kulissen basteln die USA längst an einer weiteren Resolution, die den Weg zum Irak-Krieg freimachen soll. Und erfahrungsgemäß lassen sie sich von ihrem Kurs auch nicht durch eine bühnenreife Vorstellung abbringen. Mag sie noch so überzeugend auf die Zuschauer gewirkt haben.

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