Zeitung Heute : Vor dem Champions-League-Viertelfinale: Der schöne Manchester-Kapitalismus

Helmut Schümann

Wertschätzung sieht wohl anders aus. Auf die Frage eines Liverpooler Besuchers, wo denn in Old Trafford, dem Stadion von Manchester United, die gegnerischen Fans zu sitzen kommen, zum Beispiel die von Bayern München, antwortet der freundliche Museumsführer sehr eindeutig. "Ach, für die reicht da drüben die kleine Kurve. Im Europapokal bringen ja nur die großen Vereine wie Real Madrid oder Juventus Turin viele Fans mit." Oha, wenn das die Bayern hören.

Aber ist es nicht tatsächlich so, dass der FC Bayern München, dieser ruhmreichste, finanzkräftigste und machtvollste Verein des deutschen Fußballs, im Vergleich mit Manchester United, dem heutigen Viertelfinalgegner in der Champions League, nur ein gut organisierter Dorfklub ist? Und unzweifelhaft ist doch auch, dass Ruhm, Legenden und Mythen des 122 Jahre alten englischen Klubs allen Ruhm, alle Legenden und die paar Mythen der Münchner lässig in den Schatten stellen. Der Museumsführer bekommt auf jeden Fall feuchte Augen, wenn er durch den Spielertunnel schreitet, weil durch den auch Bobby Charlton, Nobby Stiles, Dennis Law, George Best und all die anderen Götter des Leders geschritten sind. Und die Besucher versinken ebenfalls in stiller Andacht. "Auf dem Platz, auf dem jetzt unser Freund aus Deutschland sitzt", sagt der Museumsführer in der Kabine, "zieht sich sonst immer David Beckham um." Uii, dem Mittelfeldstar wird ja nachgesagt, dass er zu gerne die Unterwäsche von Gemahlin Posh Spice aufträgt. Und hier zieht er die Dessous also aus! Der Kleiderhaken von Stefan Effenberg in München hat wahrscheinlich keine Aura.

Und hat der stolze Museumsführer nicht auch Recht, wenn er sagt: "Wir hier in Manchester wachsen und wachsen, und wie heißt noch gleich die Hauptstadt von Deutschland?" Das ist nun eine ziemlich gemeine Frage und die Stadt mit etwa einer halben Million Einwohnern ist auch nicht der Sitz des House of Parliament, sondern nur die Hauptstadt des Fußballs. Und die der Musik. Und die des Booms. Der Baustellen. Und des Optimismus.

Am vergangenen Dienstag haben die Manchester "Evening News" mal voller Stolz ein paar Listen publiziert. Das Blatt zählt da zum Beispiel für den Zeitraum von Januar bis Dezember 2000 die 50 größten Investitionsgeschäfte in Manchester auf. Gesamtvolumen der Transaktionen: etwa eine Milliarde Mark. Man kann die Größe des neuen Manchester-Kapitalismus auch an Hand eines kleinen Zahlenvergleichs zwischen den beiden heute Abend aufeinandertreffenden Fußballklubs darstellen. Dann sieht man, dass der FC Bayern München in der vergangenen Saison 250 Millionen Mark umgesetzt hat, United aber weit über 400 Millionen; Bayern bekommt pro Saison etwa 17 Millionen Mark vom Trikotsponsor Opel, United von Vodafone ungefähr 25 Millionen und von Ausrüster Nike für 15 Jahre Werbung eine Milliarde Mark dazu; Bayern zahlt pro Jahr an Spielergehältern circa 65 Millionen Mark aus, United überweist auch 65 Millionen - allerdings Pfund; Bayern freut sich, dass auch im Norden der Republik Devotionalien mit dem Klubemblem Absatz finden, United ist gerade zur Vermarktung auch auf dem amerikanischen Sektor eine Kooperation mit dem New Yorker Basketball-Giganten Yankees eingegangen. Undundund.

Oder man macht einen Spaziergang von Old Trafford rein in die Innenstadt. Und wenn man dabei eine kundige Führerin hat, wie die in Manchester lebende Schriftstellerin Val McDermid, dann sieht und erfährt man, was und wie sich die Stadt nach Jahrzehnten der Agonie verändert hat. Und man fühlt sich dann etwas irritiert, weil hier im Norden Englands nichts stimmt vom gängigen Bild vom heruntergekommenen, maroden Königreich. Mag Britannien dahin siechen und noch immer kranken am rigorosen Thatcherismus der achtziger Jahre, mag es aufheulen unter der Maul- und Klauenseuche, Manchester im Frühjahr 2001 sieht ungefähr so aus wie Berlin am Lehrter Stadtbahnhof: eine einzige, riesige Baustelle.

Ganz Manchester eine Baustelle

Als der Boom angefangen habe, erzählt Val, Mitte der neunziger Jahre, "da war von Manchester gar nichts zu sehen. Nahezu alle Häuser waren verpackt wie von Christo. Eine Bauplane hing neben der anderen." Begonnen hatte es eigentlich schon Anfang der Neunziger. Und es waren der Fußball und die Musik, die Leben zurückbrachten in die an Substanz und Seele zerstörte Stadt. Die Rave-Bewegung nahm hier ihren Anfang, die Brüder Gallagher starteten von ihrer Heimatstadt aus mit ihrer Band Oasis die Weltkarriere. Und 1993 wurde United, erstmals seit 26 Jahren wieder englischer Fußballmeister. Bis dahin träumte die Stadt nur von der Vergangenheit. Von der Glorie des 19. Jahrhunderts, als die aus Übersee eingeschiffte Baumwolle hier verarbeitet wurde und von diesem Wirtschaftszweig die Industrialisierung Europas ausging. Oder von den fünfziger Jahren, als Trainer Matt Busby United zur nationalen Größe im europäischen Fußball formte. Matt Busby steht heute vor Old Trafford, in Bronze und seinem alten Straßenanzug. Der und eine Uhr, mit der des Flugzeugabsturzes von 1958 gedacht wird, bei dem im Schneesturm von München 21 Spieler, Funktionäre und Journalisten ums Leben kamen, sind das einzige, was noch von old Trafford übriggeblieben sind. Hinter Busby türmt sich die Glasfassade der Vereinsverwaltung auf. 1600 Menschen beschäftig der Klub. Seit 1991 an der Börse notiert, ist er mit zeitweise 1200 prozentigem Gewinn eher Konzern als Verein.

Dieser Sieg 1993 im Fußball hat ein wenig die Niederlage kompensieren können, die Manchester erlitten hatte, weil das Internationale Olympische Komitee dessen Bewerbung für Olympia 2000 nicht goutierte und die Milleniums-Spiele nach Sydney vergab. Aber da war der Wille, erzählt Val, die Stadt wieder aufzubauen schon spürbar. Was fehlte, sagt auch der Wirt des Old Wellington, eines Pubs in der Innenstadt mit über 500-jähriger Geschichte, "war ein Anstoß". Den gab die IRA 1996, als sie während der Fußball-Europameisterschaft einen Bombenanschlag gegen das Einkaufszentrum Arndale verübte. So groß war die Detonation, dass weite Teile der Innenstadt zerstört waren, auch das Wellington, das Stein für Stein etwa hundert Meter vom alten Standort entfernt wieder aufgebaut wurde. Ein paar Tage später hingen Banner in den Straßen: "Ihr könnt unsere Häuser zerstören, nicht aber unsere Seelen." Seitdem wird gebaut. Draußen in Old Trafford, inmitten der Salford Quays, der alten Dockanlage von Manchester und drinnen in der City.

Eine Verbindungsstraße ist die Stretford Road, die durch Hulme führt und nach Süden hin an Moss Side und die Gegend um den Alexandra Park grenzt. Den Park sollte man - wenn einem sein Leben wert ist - schon tagsüber tunlichst nicht betreten. Geschweige denn nachts. Auch ist Moss Side, die Heimat des lokalen Fußball-Konkurrenten Manchester City, noch ein Viertel der Arbeitslosigkeit, der Kriminalität und der Depression, "the end of the rainbow", sagt Val. Stretford Road gehörte noch vor wenigen Jahren dazu, wie Hulme auch. Heute zieht sich die Straße wie eine Schneise des Wohlstandes bis in die City. Die kleinen Häuser sind restauriert, fein geputzt und alarmgesichert. Die Sprecherin der Makler-Agentur Faulkner & Faulkner sagt, dass noch nicht alle Häuser verkauft sind, aber 80 Prozent seien schon ausgelastet, "das frühere Ghetto Hulme ist wieder eingegliedert in die Stadt."

Ein paar Straßenzüge weiter nördlich liegt Castlefield, ein altes Industrieareal. Dort dümpelte vor fünf Jahren noch der heillos verdreckte Schifffahrtskanal, der Manchester mit dem 50 Meilen entfernten Liverpool verbindet, in seinem Bett. Die Industrieanlagen, die Webstühle für die Baumwolle, lagen brach, nichts ging mehr in Castlefield außer Prostitution und Drogenhandel. Nun ist der Kanal gereinigt, die Ufer sind bepflastert und in den Hallen haben sich Cafes, Restaurants und Galerien angesiedelt. Und Bars, die so hip sind, dass man den Drogenhandel hier weiter vermuten kann - allerdings den, der auf der Toilette vollzogen wird, beim schnellen Sniff und bezahlbar nur von den Besserverdienenden der Stadt. Die Firmenschilder an den Häusern in Castlefield weisen Künstleragenturen und Designerstudios aus, um die Ecke liegen die Studios von BBC North und Granada, wo Englands Soapoperas produziert werden.

Und so kann man weiterspazieren. Durch die Canal Street, wo Manchesters Gay-Szene eine allseits beliebte Restaurantmeile aufgezogen hat. Durch Oxford-Road und die umliegenden Gassen, in deren Pubs sich die 50 000 Studenten treffen. Oder zu den Picadilly Gardens, dem zentralen Platz in der Innenstadt, der allerdings im Moment erst noch zu einem Garten ausgebaut wird. Nächstes Jahr sind Commonwealth Games in Manchester, eine Sportveranstaltung, die im alten Machtbereich der britischen Krone gleich nach den olympischen Spielen angesiedelt wird. Bis dahin will Manchester noch schöner werden, bis dahin werden auch die 300 Millionen Pfund, die die Stadt alleine für die Vorbereitung der Games ausgegeben hat, verbaut sein. Man muss da nicht mäkeln, es geschieht zum Wohle der Stadt. Und jetzt, wenn der Frühling die Sonne auch auf Manchester scheinen lässt und die Pubs und Cafés die Stühle rausstellen, da hat dieser "Mancunian way of life" durchaus mediterrane Züge. "Ja", sagt Val, "es gibt auch ein Leben nördlich vom Süden. Es gibt in England nicht mehr nur London."

Was sich vor zwei Wochen wohl auch eine Gruppe von Gangstern gedacht hat und deswegen Marks & Spencers, das neue, lichtdurchflutete Kaufhaus neben der Fußgängerzone überfiel. Marks & Spencers, jene Kette, die jetzt gerade alle ihre Auslandsfilialen haben schließen müssen wegen Umsatzeinbrüchen. In Manchester wurden die Gangster dennoch fündig. Die Höhe der Beute ist nicht ganz festgelegt, doch soll sie auf keinen Fall unter zehn Millionen Mark liegen.

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