Zeitung Heute : Vor dem Kanzler abgetaucht

CARSTEN GERMIS

Stellen wir uns ein Szenario vor, das sich außer dem Bundeskanzler zur Zeit nur die wenigsten ausmalen können.Am Abend des 27.September laufen die ersten Hochrechnungen der Bundestagswahl über die Fernseher und verkünden ein denkbar knappes Ergebnis.Helmut Kohl, seit 16 Jahren in Amt und Würden, hat es noch einmal gepackt.Die sozialdemokratische Opposition ist gelähmt.Und im Konrad-Adenauer-Haus? Jubel? Überbordende Freude? Nein, in der Bonner CDU-Parteizentrale herrscht Sprachlosigkeit.Hinter verschlossenen Türen regiert das blanke Entsetzen.Der Patriarch, an den sie selbst nicht mehr glaubten, hat erneut triumphiert.Der Kanzler, wenn er wirklich noch einmal gewinnen sollte, hätte nicht gegen Gerhard Schröder gewonnen.Er hätte sich durchgesetzt gegen die eigene Partei und ihre offensichtliche Selbstaufgabe.

Der Wahlkampf der Union kommt nicht auf Touren.Die Vorstellung, noch einmal vier Jahre Kohl, lähmt die christdemokratischen Funktionäre.Wer mit angesehen hat, wie CDU/CSU-Fraktionschef Wolfgang Schäuble die ersten Teile der Wahlkampfplattform mit herunterhängenden Mundwinkeln und resigniert mit Standardfloskeln und abgenutzten politischen Versatzstücken vortrug, der fragt sich: Vielleicht soll der Wahlkampf gar nicht mehr Schwung bekommen? Schäuble hat immer wieder einen inhaltlichen Wahlkampf angemahnt.Dabei weiß er so gut wie andere, daß auch dieses Konzept die Wende für die CDU nicht bringen kann.Er beharrt dennoch darauf.Gleichzeitig setzt er sich ab von einem Projekt Helmut Kohl, das nicht mehr das seine ist.Schäuble ist zu einer kraftlosen Nebenfigur im Kampf um die Macht in Bonn geworden.Die Idee, gemeinsam mit Schäuble als Doppelspitze anzutreten, hat der Kanzler offenkundig nie ernsthaft erwogen.Damit ist die Chance vertan, der sozialdemokratischen "Kraft des Neuen" (Schröder) ein neues Gesicht entgegenzusetzen.

Nicht nur der Fraktionsvorsitzende ist in diesem Wahlkampf merkwürdig abwesend.Auch die zweite Reihe taucht ab.Matthias Wissmann, der Verkehrsminister, den Kohl per Dekret zum neuen wirtschaftspolitischen Hoffnungsträger seiner Partei machte, findet öffentlich nicht statt.Jürgen Rüttgers, "Zukunftsminister" des Kanzlers, versagt sich der Gestaltung der Zukunft mit demonstrativem Schweigen.Währenddessen hangeln sich die politischen Gegner aus dem Schröder-Team von PR-Event zu PR-Event und setzen die Themen dieses Wahlkampfes.

Die Christdemokraten scheinen die simpelsten Binsenweisheiten vergessen zu haben.Vor vier Jahren, als zu Beginn des Jahres auch kaum jemand einen Pfifferling auf Helmut Kohl gewettet hatte, legte CDU-Generalsekretär Peter Hintze eine Kampagne vor, die als modern empfunden wurde.Heute recycelt er selbst für den Fernsehspot der Union alte Bilder des Kanzlers.Neue Ideen sind nirgendwo erkennbar.Das ist schon fast eine Kampagne gegen den eigenen Kandidaten.Ein zündendes Wahlkampfthema haben Hintzes Strategen ebenfalls noch nicht gefunden.Alle Versuche endeten kläglich und waren unprofessionell organisert.

In diesen Tagen ist oft zu hören, selbst die Führung der Christdemokraten glaube nicht mehr an den Sieg.Die Wahrheit ist schlimmer: Viele wollen ihn mit diesem Spitzenkandidaten nicht mehr.Das "Weiter so" zieht in den eigenen Reihen nicht mehr.Vor diesem Hintergrund verschieben sich die Wahlkampfziele in der Union.Es geht den Akteuren nur noch darum, für sich selbst die besten Startlöcher für die Zeit nach der Niederlage auszuheben.Mitten im Wahlkampf werden Strategien für die Ära nach Kohl durchgespielt.Ein ehrgeiziger Politiker wie Volker Rühe macht das offensiv.Jeder weiß, daß er die Union als Außenminister auch in die Rolle des Juniorpartners in eine Große Koalition führen würde.Er wäre nicht gut beraten, wenn er den schlechten Wahlkampf der Union jetzt offen kritisierte.Deswegen tauchen sie alle ab.Wissmann, Rüttgers und die anderen.Sie wollen sich nichts verbauen.Wer sich nicht für den Kanzler engagiert, der wird den bitteren Geschmack der Niederlage schon nicht zu spüren bekommen, hoffen sie.Einen kleinen Fehler hat diese Strategie allerdings.Die Niederlage, die sie befürchten, führen sie zum großen Teil selbst herbei.

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