Zeitung Heute : Vor dem Nachbeben

Entsetzen bei Fatah, Jubel bei Hamas – was wird aus Palästina? Nur eines ist sicher: Alles ändert sich

Andrea Nüsse[Ramallah]

Geisterhaft und verlassen wirkt das Medienbüro der Fatah am Donnerstagmorgen. Zerfledderte Wahlplakate liegen auf dem Boden, die Computer sind verschwunden, leere Cola-Dosen stehen vor den Sofas im Erdgeschoss des Hotels Casablanca in Ramallah. „Wir haben das Büro aufgelöst“, sagt Souhad, eine junge Frau, sie ist die Einzige, die noch hier ist. Die Entscheidung wurde in der Nacht getroffen, als gegen drei Uhr morgens deutlich wurde, dass nur noch Hiobsbotschaften über das Abschneiden der Fatah-Direktkandidaten eintreffen würden. Souhad bricht fast in Tränen aus. „Es ist aus, alle sind nach Hause gegangen.“

Das Entsetzen in der Fatah, in der von Jassir Arafat gegründeten Bewegung, ist enorm. Fast 40 Jahre lang hat sie die Geschicke der Palästinenser mitbestimmt, als stärkste Fraktion innerhalb der Palästinensischen Befreiungsorganisation, seit zehn Jahren mit absoluter Mehrheit in Parlament und Regierung in den Palästinensergebieten. Dass es knapp werden würde, damit hatte man gerechnet. Dass die Palästinenser der Fatah einen Denkzettel ausstellen würden für Uneinigkeit und Korruption. Dass die Einparteienherrschaft zu Ende gehen würde, damit auch. Aber dass die islamistische Hamas im ersten Anlauf gleich mehr Sitze als die Fatah oder gar eine absolute Mehrheit im Parlament gewinnen könnte, ist eine totale Überraschung.

Noch am Wahlabend hatten auf dem Manara-Platz in Ramallah junge Anhänger mit einem Autokorso den vermeintlichen Sieg gefeiert. Laut Hochrechnungen lag gegen 22 Uhr die Fatah noch vor der Hamas. Mit Gewehrschüssen, Hupkonzerten und wehenden gelben Fatah-Fahnen hatten die jungen Leute, zermürbt nach langen Wochen, in denen die Umfragewerte aus tiefster Tiefe langsam wieder in die Höhe geklettert waren, sich selbst gefeiert. „Ohne Fatah, unsere historische Organisation, geht es eben nicht“, sagte ein junger Mann zufrieden.

Es geht anscheinend doch. Erst am Abend des Donnerstags wird das offizielle Ergebnis bekannt gegeben, aber eigentlich weiß jeder in Nahost und in der Welt schon, was geschehen wird. Es ist wie ein politisches Erdbeben. Aus der Wahlkommission ist am Morgen durchgesickert, dass die Hamas mindestens 70 der 132 Parlamentssitze bekommen werde; tatsächlich sind es am Abend sogar 76 – und für die Fatah nur noch 43. Vielleicht werden es am Ende ein paar weniger, wenn man die Abgeordneten abzieht, die im israelischen Gefängnis sitzen. Oder wenn die Zahl der Quotensitze für die Christen, die vermutlich eher mit der Fatah koalieren, feststeht. Aber das Gefühl, dass sich etwas grundlegend verändern wird, das bleibt so hartnäckig in der Luft hängen wie Nebel.

„Niemand von uns hat ernsthaft darüber nachgedacht, dass die Hamas eine absolute Mehrheit im Parlament gewinnen könnte“, sagt Riad Malki, Leiter von „Panorama“, einer nicht-staatlichen Organisation, die Workshops zum Demokratieverständnis veranstaltet. Malki sitzt in seinem Büro im Stadtzentrum, das Zimmer ist groß und hell. Und still. Die Mitarbeiter draußen arbeiten vor sich hin wie betäubt. Im Gegensatz zum Wahlzirkus der vergangenen Tage ist es in jenen Teilen der Stadt, in denen die Fatah-Wähler leben, fast unheimlich ruhig.

„Auch die Leute, die Hamas gewählt haben, um Fatah eins auszuwischen, wissen überhaupt nicht, was jetzt kommt“, sagt Riad Malki. Die islamistischen Kandidaten hatten im Wahlkampf nur selten ganz konkret gesagt, was sie denn eigentlich erreichen wollen. Malki fürchtet, dass die Arbeit der vielen säkularen Gruppen in der Zivilgesellschaft unter einer Hamas-Regierung eingeschränkt werde. „Wir sind diejenigen, die den lautesten Widerstand organisieren würden“, sagt Malki, während er auf seinen Fernseher starrt. Er hat Al Dschasira eingeschaltet, den arabischen Nachrichtensender. Ein Informationsband läuft durchs Bild, auf dem steht, dass der Fatah-Premierminister Ahmed Kurei seinen Rücktritt verkündet hat. Und dass er die Hamas zur Regierungsbildung aufgefordert habe. Malki wirkt abwesend.

Die Hamas hatte es bisher immer abgelehnt, auf nationaler Ebene in die Politik einzusteigen. Seit den 70er Jahren hatte die islamistische Organisation stattdessen soziale Dienste für Flüchtlinge aufgebaut und sich damit großen Respekt insbesondere im Gazastreifen verschafft. Weil sie anfangs so unpolitisch wirkte, wurde die Hamas eine Weile sogar indirekt auch von Israel gefördert, um die Fatah und die PLO zu schwächen. Erst mit der Intifada 1987, dem Aufstand der Palästinenser gegen Israel, begann ihr Anführer Scheich Ahmed Jassin, Anschläge gegen die israelische Besatzungsmacht zu organisieren, und gründete einen militärischen Flügel, dem etwa 30 000 Mann angehören sollen. Nachdem ein jüdischer Siedler beim Gebet in Hebron 20 Muslime erschossen hatte, schlug die Hamas 1994 mit einem ersten Selbstmordanschlag in Israel zu. Seither ist sie für einen Großteil der Anschläge verantwortlich, die sie in der Regel als Reaktion auf die Tötung von Palästinensern darstellt. In ihrer Charta ruft die Hamas zur Vernichtung Israels und zur Errichtung eines islamischen Staats vom Jordan bis zum Mittelmeer auf. In ihrem Wahlprogramm tauchte diese Forderung zwar nicht mehr auf. Ein Sprecher der Organisation hat aber bereits gesagt, dies sei nur Taktik gewesen.

Eine Terrororganisation wird künftig Regierungsverantwortung tragen – in Israel herrscht am Donnerstag schieres Entsetzen. Auf der israelischen Seite der Grenzanlagen sehen alle diese Bilder: Tausende Anhänger der Hamas feiern in Ramallah und Nablus, es sind grüne Meere, die sich da durch die Straßen wälzen, aus denen aufgerissene Münder hervorspringen, aufgerichtete Maschinengewehre und Bilder der getöteten Scheichs Jassin und Rantissi. Sprecher verlesen die Namen derer, die bei Anschlägen in Israel gestorben sind. Hunderte stürmen das Parlamentsgebäude in Ramallah, nehmen die palästinensische Fahne ab und hissen die der Hamas. Der israelische Regierungschef Ehud Olmert beruft noch für den Abend eine Sitzung zur Sicherheitslage ein.

Schon bei den Gemeinderatswahlen im vergangenen Jahr hatte die Hamas vielfach gesiegt. Nicht nur in der Stadt Kalkilia übernahm sie alle Sitze von der Fatah. Mit Korruption und Vetternwirtschaft soll sie aufräumen. Damit hat die Hamas zwar keine politische Erfahrung auf internationaler Ebene, aber solides Know-how über die Führung von Verwaltungen. „Wir wollen an die Regierung“, sagte dann auch der Narkosearzt Mahmoud Ramahe am Tag der Wahl. Ramahe hat auf Platz acht der Hamas-Liste kandidiert und wird damit im neuen Parlament sitzen. Der 43-Jährige, der in Rom studiert hat, gehört zu jenen neuen, pragmatisch wirkenden Hamas-Gesichtern, die im Wahlkampf aufgetaucht sind: Mit der kleinen Nickelbrille wirkt er wie ein Intellektueller, er trägt weder den langen Bart, noch gibt er offen extremistische Ansichten von sich. Im Gespräch mit ihm will man glauben, dass die Hamas in einem Transformationsprozess steckt und auf dem Weg ist, eine politische Partei zu werden. Und Hamas-Führer Chaled Maschal erklärt am Tag nach der Wahl dann auch, er strebe eine Koalition mit der Fatah an. Er sagt: Als ein Zeichen von politischem Pragmatismus erkläre sich die Hamas zur Fortsetzung der Waffenruhe mit Israel bereit. Aber: Auf israelische Angriffe werde die Hamas natürlich weiterhin reagieren. Vieles, was Hamas-Mitglieder an diesem Tag sagen, lässt keinen Zweifel daran, dass die Bewegung die palästinensische Bevölkerung weiter islamisieren will und dass der Kampf gegen Israel weitergeht.

Banges Spekulieren, das charakterisiert diesen Tag. Bei der Fatah, bei den Israelis, in aller Welt. Dass das Ergebnis der Wahl internationale Konsequenzen haben wird, ist klar, aber wie genau werden sie ausfallen? Schimon Peres, der israelische Linke, verkündet, dass die internationale Finanzhilfe nicht mehr fließen werde, wodurch die Hamas außerstande sein werde, die Autonomiebehörde zu kontrollieren und den 130 000 Beamten die Gehälter zu bezahlen. Ein Rufer in der Wüste?

Im Büro des Fatah-Wahlkampfleiters, Mounir Salameh, am anderen Ende der Stadt, versucht man sich in Realismus. „Hamas hat gewonnen, weil wir zu viele Fehler gemacht haben“, gibt Salameh zu. Selbst Ex-Premier Ahmed Kurei habe den gesamten politischen Prozess innerhalb der Fatah zehn Tage lang blockiert, weil er darauf bestanden habe, Spitzenkandidat der Fatah zu sein. „Zehn Jahre lang ohne Opposition zu regieren, schadet jeder Partei“, sagt Salameh.

Stolz ist Salameh nur darauf, dass die Palästinenser trotz der Besatzung einwandfrei demokratisch gewählt haben. Selbstverständlich werde man das Ergebnis akzeptieren, sagt er. Andere sind sich da nicht so sicher. Man habe die Bekanntgabe der Wahlergebnisse nur deshalb auf den Abend verschoben, heißt es, damit die Fatah genug Zeit habe, die eigenen Leute auf die Niederlage vorzubereiten und sie im Zaum zu halten. Es ist erst der erste Tag nach der Wahl.

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