Zeitung Heute : Vor den Bildschirm statt auf die Couch

BARBARA HILLEBRAND (dpa)

Psychotherapie per InternetVON BARBARA HILLEBRAND (dpa)Traumatische Kindheitserlebnisse oder der Tod eines geliebten Menschen - viele werden damit alleine nicht fertig.Doch den Gang zum Psychiater scheuen sie.Niederländische Psychologen bieten nun erstmals eine Therapie über das Internet an.Das Projekt mit dem Namen "Interapie" wird zur Zeit von der Universität Amsterdam vorbereitet und startet im Frühsommer. Statt sich in der Praxis eines Psychotherapeuten auf die Couch zu legen, können sich Niederländer bald im eigenen Wohnzimmer behandeln lassen.Alles, was sie dazu brauchen, ist ein Computer, der an das weltweite Datennetz Internet angeschlossen ist.Mit einem Paßwort wählen sie sich in den Computer der Universität Amsterdam ein.Hier können sie sich von der Seele schreiben, was sie bedrückt.Ihr persönlicher Betreuer, ein Psychologe der Universität, liest die Nachrichten und beantwortet sie. Der Leiter des Projekts, Psychologie-Professor Alfred Lange, glaubt, daß das Internet für eine offene Aussprache besonders geeignet ist."Das Internet ist eine gute Extrahilfe für Klienten, die man sonst eigentlich nicht erreicht, weil sie eine Hemmschwelle haben", sagt er."Interapie"-Mitarbeiter Bart Schrieken versichert: "Es hat sich gezeigt, daß viele Leute ihre Probleme leichter einem Bildschirm anvertrauen." Der Betreuer stellt über den Computer Fragen.Sein Klient - so wird der Patient in der Psychologie genannt - antwortet darauf ausführlich zweimal in der Woche.Nach fünf Wochen beurteilt der Betreuer, wie effektiv die Behandlung bisher gewesen ist.Geht er davon aus, daß er seinem Klienten noch weiter helfen kann, setzt er die Behandlung fort. Zur Zeit befindet sich das Projekt noch in der Probephase.Die Betreuer "üben" mit Studenten.Ab Mai oder Juni soll "Interapie" dann richtig starten.Nicht jeder kann sich beteiligen.Die Schreibtherapie muß sich für sein Problem eignen.Alfred Lange geht es vor allem um Menschen mit Alpträumen, Panikanfällen und Erinnerungen an schoêkierende Erlebnisse.Menschen, die unter schweren Depressionen leiden, Selbstmordgedanken hegen oder Psychopharmaka nehmen, sollten seiner Ansicht nach lieber persönlich einen Therapeuten aufsuchen. Wer als Klient akzeptiert wird, muß nichts bezahlen.Die Kosten übernimmt zumindest im ersten Jahr der staatliche Fonds für psychische Volksgesundheit.Lange möchte das Projekt bald auch in englischer und deutscher Sprache anbieten.

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