Zeitung Heute : Vor der Not helfen

Die humanitären Organisationen arbeiten auf Hochtouren – und müssen noch darüber schweigen

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Die Uno führt einen Kampf gegen die Zeit: Fieberhaft bereiten sich die Institutionen der Weltorganisation auf einen möglichen biologischen und chemischen Krieg in der Golfregion vor. Doch je näher ein Angriff der USA und ihrer Verbündeten auf den Irak zu rücken scheint, desto deutlicher wird die Hoffnungslosigkeit ihres Tuns.

Mit Ausnahme Israels sind alle Staaten, die in der Reichweite des Iraks liegen, nahezu schutzlos einem B- oder C-Waffen-Einsatz ausgeliefert: Saudi-Arabien, Kuwait, Qatar und Jordanien. Das bestätigen hochrangige Diplomaten aus dem Uno-Umfeld in Genf, dem Hauptsitz der humanitären Institutionen der Vereinten Nationen. Vor allem Soldaten und Zivilisten der Krieg führenden Parteien wären direkt von biologischen und chemischen Angriffen betroffen. Um Bürger und Truppen wirksam zu schützen, müssten „Millionen von Masken und Schutzanzügen in der Region verteilt werden“, sagt ein UN-Beamter. „Dazu dürfte die Zeit aber wohl nicht mehr reichen, und wer soll das bezahlen?“

Die Organisationen halten auch einen US-Schlag mit taktischen atomaren Waffen für möglich, zumindest wollen sie gewappnet sein. Die apokalyptischen Szenarien und möglichen Antworten werden von einem „Steuerungskomitee Irak“ von allen Seiten betrachtet. UN-Generalsekretär Kofi Annan hat seine Stellvertreterin Louise Frechette als Leiterin eingesetzt.

Einrichtungen wie das Flüchtlingshilfswerk UNHCR oder die Weltgesundheitsorganisation WHO wies Annan an, „rund um die Uhr“ für den Ernstfall zu arbeiten. Offiziell hält sich die Uno jedoch bedeckt. Auf die Frage, ob sich das Kinderhilfswerk Unicef für einen B- und C-Krieg präpariert, entgegnete gestern die Leiterin Carol Bellamy: „Ich kann darauf nicht antworten.“ Unicef ist mit 300 Mitarbeitern im Irak vertreten. Das Werk kümmert sich wie keine andere Institution um die fast elf Millionen Kinder im Land und versucht, sie gegen Giftwaffen zu schützen. Die Zurückhaltung Bellamys hat einen Grund. Während die Waffeninspekteure noch das Zweistromland durchkämmen und Kofi Annan den drohenden Konflikt diplomatisch abwenden will, würden zu laute Vorbereitungen für einen B- oder C-Krieg alle Friedensanstrengungen unterminieren. „Wir dürfen nicht den Eindruck vermitteln, der Krieg sei unvermeidbar“, sagt ein UN-Beamter.

Dass der Diktator in Bagdad vor einem Einsatz chemischer Waffen nicht zurückschreckt, bewies er im Krieg gegen Iran und gegen die Kurden. Deshalb läuft die Schutzkampagne der Uno weiter auf Hochtouren. Die Genfer Experten der WHO beraten Regierungen in der Golfregion, wie einem B-und C-Schlag am besten zu begegnen sei. Die Rettungsarbeiten für „die große Zahl der Opfer“ werde durch die extremen psychischen Reaktionen in der Bevölkerung erschwert. Die Menschen würden viel stärker von Hysterie ergriffen, als nach einem Angriff mit konventionellen Waffen. Öffentlich haben bisher nur wenige UN-Mitarbeiter wie der Hochkommissar für Flüchtlinge, Ruud Lubbers, vor einem Waffengang gewarnt: „Ein Krieg im Irak wird aus einer humanitären Perspektive ein Desaster.“

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