Zeitung Heute : Vorbild bleiben

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Paul schlägt zurück. Nahezu täglich kommt Paul dem Vater mit Sprüchen, die dem Vater bekannt vorkommen. Der Vater kommt nämlich zurzeit nicht aus seinem Zimmer raus, nur in Notfällen. Der Vater schreibt irgendwas, das dauert. „Sieht man dich auch noch mal“, sagt Paul, wenn der Vater dann doch mal raus muss. „Nimmst du auch noch am Familienleben teil?“ Der Vater hatte sich kürzlich mokiert, dass Paul nur noch hinter seiner verschlossenen Tür abhängt. „Habe ich dir nicht immer gesagt“, sagt Paul, „fang deine Arbeiten früher an, dann kommst du auch nicht in Zeitnot. Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“

„Klugscheißer“, sagt der Vater, „altkluger Scheißer“, hilft aber auch nichts.

Im Zimmer des Vaters sieht es aus, wie sonst nur in Pauls Zimmer. Eigentlich ist es eine richtige Ursuppe, die da durch den Raum wabert. Sie besteht aus Zeitungsstapeln, Bücherstapeln, lose Blattsammlungen, noch mehr lose Blattsammlungen, Unmengen Kassetten, irgendwo darunter müsste auch noch ein Aufnahmegerät liegen, im Zimmer des Vaters kommen noch leere Kaffeetassen und überquellende Aschenbecher hinzu. „Findest du noch was?“, sagt Paul, „Aufräumen wäre vielleicht nicht schlecht.“ Im Zimmer stinkt es. „Hier stinkt’s“, sagt Paul. Und: „Diesem Zimmer würde Sauerstoff gut tun.“ „Mhngmanney“, sagt der Vater. „Super-Vorbild“, sagt Paul.

Ansonsten spielt Paul jetzt auch Karten, Doppelkopf mit seinen Mitpubertisten, so wie es der Vater früher mit seinen Kumpels gespielt hat. „In den Pausen“, sagt Paul, „mit Hyperfuchs, Charlie Müller und der Schwarzen Inge. Aber natürlich nur in den Pausen.“ Bislang hatte der Vater geglaubt, dass die Sonderrechte zweier Pik-Damen auf einer Hand, also die Rechte der Schwarzen Inge, eine willkürliche Erfindung seiner damaligen Doppelkopfrunde gewesen seien. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass kürzlich zwei Schulfreunde des Vaters zu Besuch waren. Und als die Rede auf Doppelkopf kam, erinnerten sie sich, wie sie der Karten wegen den Mathe-Leistungskurs geschwänzt haben. Dann war der Mathe-Lehrer in den Aufenthaltsraum gekommen, war hinter den Vater und seine Freunde getreten und hatte nach kurzer Zeit abfällig über die Spielweise der Vier geschnauzt. Paul hat keinen Mathe-Leistungskurs, dachte der Vater, aber auch: „Klasse Jungs, tolle Geschichte, Super-Vorbild.“ Paul hatte interessiert zugehört.

Dann war Paul mit Chemie-Aufgaben gekommen. „Zeigen Sie nach Brönsted, dass Butansäure eine schwache Säure ist!“ stand da. „Ich weiß nicht, wo Brönsted liegt“, brummte der Vater, „wahrscheinlich in Dänemark.“ „Oh, Mann“, sagte Paul, „Brönsted, Johannes Nicolaus, Physiochemiker.“ „Kenn’ ich nicht“, sagte der Vater, „ich kenn’ Bronstein, Leo, besser bekannt als Trotzkij.“

„Oh Mann“, sagte Paul noch einmal, „diesem Vater würde Sauerstoff gut tun.“

Neue Geschichten von Paul liegen ab Freitag gebündelt im Buchhandel: „Der Pubertist. Überlebenshandbuch für Eltern“, Rowohlt-Verlag, 17,90 Euro.

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