Zeitung Heute : Vorbild Nachtigall

JÖRG KÖNIGSDORF

Die Akademie für Alte Musik im Otto-Braun-Saal der StaatsbibliothekJÖRG KÖNIGSDORFKaum sechzig zahlende Besucher hatten sich zum Konzert der Akademie für Alte Musik im Otto-Braun-Saal eingefunden - eine deprimierende Kulisse für Berlins mittlerweile weltweit anerkannte Originalklang-Formation.Die Massen strömten nebenan in die Philharmonie und berauschten sich an Mahlerschem Weltschmerz.Gegen dessen Monumentalität wirkt die kurzweilige Originalität Telemannscher Suiten und Kantaten freilich wie eine gezielte Gegenveranstaltung, die Kantate "Tirsis am Scheidewege" entpuppt sich als regelrechter Pathos-Ulk.Hin- und hergerissen zwischen zwei Frauen, beklagt der Jüngling Tirsis wort- und koloraturenreich sein Schicksal: Die eine will er und bekommt sie nicht, die andere will ihn, aber die will er nicht.Die Lösung bringt eine Nachtigall (und zugleich die Gelegenheit für ein hübsches Blockflöten-Obligato) - ohne Beziehungsstreß genießt sie ihre Freiheit und wird dem wankelmütigen Tirsis zum Leitbild.Ralf Popken singt das mit der richtigen Portion Koketterie, die Geziertheit des Jünglings findet in seiner gewollt künstlichen, die Falsettherkunft nicht verleugnenden Altstimme das adäquate Klanggesicht.Auch die vokal ausgreifendere Rhetorik von Vivaldis Kantate "Cessate, omai cessate" bereitet ihm keine Probleme.Hier zeigt Popken, daß er auch die ernste Seite des verschmähten Verliebten beherrscht, ohne in karikierenden Jammer abzugleiten, und spannt die Rezitative und Arien in einen großen dramatischen Bogen ein.Daß Telemann seinem italienischen Kollegen den Schalk voraus hatte, bewiesen auch seine beiden fetzig dargebotenen Streichersuiten "La Bizarre" und "La Musette", die sich in ihren klangmalerischen Anspielungen und Überraschungseffekten weitaus spannender ausnahmen als ein beigeselltes Vivaldi-Bratschenkonzert. 

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