Zeitung Heute : „Vorbildlich organisiert“

Ein Austauschprogramm bringt Managern den Alltag in Behörden näher

Martin Benninghoff

Von den 222000 Arbeitsplätzen des Bundes sind etwa 22000 in Berlin, viele davon in den Ministerien. Die Vorurteile sind immer schon da: Sonnenklar, der öffentliche Dienst ist ein starrer Beamtenapparat, die private Wirtschaft hingegen ist das Musterbeispiel an Innovationsfreude. Oder etwa nicht?

Zwei, die den Vergleich ziehen können, sind Michael Baum und Bernhard Esslinger. Beide sind Teilnehmer an einem Austauschprogramm zwischen öffentlichem Dienst und der Privatwirtschaft, das das Bundesinnenministerium seit Oktober vergangenen Jahres federführend betreut. Zwischen zwei und zwölf Monaten arbeiten Ministerialbeamte bei großen Konzernen wie BASF, Deutsche Bank, Lufthansa oder Volkswagen. Im Gegenzug ziehen Fachleute aus dem Innen- und dem Finanzministerium bei den Unternehmen ein.

„Mir hat der Austausch unheimlich viel gebracht“, sagt Michael Baum (31), Jurist aus der Abteilung IT-Sicherheit des Innenministeriums. Von November bis Februar brachte er sein Fachwissen bei der Deutschen Bank in der Abteilung IT-Sicherheit mit ein. „Dies ist kein Praktikantenprogramm, unsere Teilnehmer sollen voll im Tagesgeschäft mitarbeiten“, sagt Manfred Schmidt, der das Projekt im Innenministerium betreut. Aus diesem Grund vermittelt er IT-Fachleute in IT-Abteilungen, Arbeitsrechtler in die entsprechende Rechtsabteilung.

Bernhard Esslinger, bei der Deutschen Bank sonst Direktor der Abteilung IT-Sicherheit, hat den Platz Michael Baums im Innenministerium für drei Monate ausgefüllt. „Die Organisation im Innenministerium ist vorbildlich“, ist der 47-Jährige voll des Lobes für Otto Schilys Mammutbehörde. Dabei nickt er verschämt Michael Stein zu, dem Projektleiter für das Austauschprogramm bei der Deutschen Bank, und ergänzt: „Was nicht heißen soll, dass es bei uns schlechter ist.“

Zwar hat es auch schon früher einzelne Tauschpartner zwischen Behörde und Wirtschaft gegeben, allerdings seien solche Programme „immer im Sande verlaufen“, sagt Schmidt vom Innenministerium. „Nun soll es nachhaltiger werden“, sagt Michael Stein von der Deutschen Bank. Auch für 2005 stehen weitere Tauschwillige in den Startlöchern. Mit denen, die zurzeit schon dabei sind, sind es 15 auf jeder Seite. „Das ist für ein wirklich nachhaltiges Programm freilich noch zu wenig“, sagt Schmidt, der hofft, dass es dieses Mal „nicht im Sande verläuft“.

Darum rühren er und Stein bei weiteren Unternehmen und Ministerien die Werbetrommel, sich zu beteiligen. Widerstände gebe es meist dann, wenn die Fachabteilungen mitkriegten, dass sie die Kosten für die Fahrt und den Ausfall eines ihrer Mitarbeiter selbst tragen müssten, sagt Schmidt. Es findet sich nur im Einzelfall ein Kandidat, der die verwaiste Stelle dann besetzen kann. Am Dienstverhältnis ändert sich übrigens nichts. Der Gehaltscheck kommt weiterhin vom eigentlichen Arbeitgeber, der Arbeitsplatz wird freilich freigehalten für die Zeit des Austausches.

Auf die Frage, ob er nach seinem Intermezzo bei der Deutschen Bank überhaupt wieder zurück wollte, antwortet Michael Baum vom Innenministerium sicherheitsorientiert: „Ich möchte doch ungerne meine Versorgungsansprüche aus dem öffentlichen Dienst aufgeben.“

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