Zeitung Heute : Vorboten des Frühlings

Schneeglöckchen läuten die neue Gartensaison ein. Die kleinen Schönheiten gibt es seit Jahrhunderten

Tassilo Wengel

Wenn der Winter langsam seinen Rückzug beginnt, kommt allmählich auch die Zeit der Schneeglöckchen (Galanthus). Oft schon im Januar schieben sich die schmalen, blaugrünen Blätter aus dem Boden, durchstoßen häufig die weiche Schneedecke und entfalten sogleich ihre zarten Blüten. Bekannt sind etwa 20 Arten sowie eine Vielzahl von Auslesen, die sich in Größe, Form und Farbe unterscheiden. Angeboten werden Sorten mit reinweißen über gelbliche bis grünliche Blüten mit mehr oder weniger intensiv ausgeprägter Zeichnung.

Schon vor Jahrhunderten kam das Schneeglöckchen in die Gärten. Inzwischen gehört es zu den beliebtesten Frühlingsboten. Dabei handelt es sich vor allem um das heimische Schneeglöckchen (Galanthus nivalis), das an vielen Stellen in Mitteleuropa wild vorkommt. Es besiedelt meist Waldränder oder Gebüschsäume, bildet aber auch auf Lichtungen manchmal größere Teppiche. Voraussetzung ist ein lockerer, humusreicher Boden, der vor allem in der Wachstumszeit ausreichend feucht ist. Trotzdem muss ein guter Wasserabzug vorhanden sein. Die Pflanze hat kugelige bis längliche Zwiebeln mit dunkler Schale, aus denen sich die blaugrünen Blätter entfalten. Sie sind etwa 20 Zentimeter lang, bis acht Millimeter breit und auf der oberen Seite gefurcht. Die Blüten bestehen aus drei, etwa zwei Zentimeter langen äußeren und drei wesentlich kürzeren inneren Blütenblättern, deren Ende eine hufeisenförmige Einbuchtung hat und von grünen Flecken geziert wird.

Durch Auslese gibt es von Galanthus nivalis eine Fülle zahlreicher reizvoller Sorten mit unterschiedlichen Formen und Farben der Blüten. Es ist ein schönes Hobby, sich etwas intensiver mit diesen kleinen Schönheiten zu beschäftigen.

Bereits aus dem 19. Jahrhundert stammt Galanthus nivalis ,Scharlockii‘. Die Züchtung wurde nach dem Apotheker Julius Scharlock aus Graudenz in Westpreußen benannt, der sie 1868 in Deutschland entdeckte. Markenzeichen sind zwei besonders lange Hochblätter hinter der Blüte, die wie Eselsohren aussehen. Die Engländer nennen diese Sorte deshalb auch gern Eselsohren-Schneeglöckchen.

Eine andere alte Sorte ist Galanthus nivalis ,Hololeucus‘. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts in Wäldern gefunden und 1891 so bezeichnet. Ihre sechs Blütenblätter sind reinweiß und alle gleich lang. Ebenfalls reinweiß, aber mit den typischen Blüten der Gattung ausgestattet ist Galanthus nivalis ,Sibbertoft White‘.

Auch grüne Farbvarianten gibt es schon lange. So ist aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Galanthus nivalis ,Virescens‘ bekannt, das immer noch zu den Raritäten gehört. Während die äußeren Blütenblätter grün liniert sind, fallen die inneren Blütenblätter durch die total grüne Farbe auf.

Unter den Sorten mit gelben Blüten ist Galanthus nivalis ,Sandersii‘ die älteste Sorte. Sie wurde bereits 1876 in England gefunden und hat drei reinweiße äußere Blütenblätter. Gelbe Segmente zieren die kurzen inneren Blütenblätter. Sehr schön ist auch Galanthus nivalis ,Blonde Inge‘, eine Form, bei der die reinweißen äußeren Blütenblätter halb waagerecht stehen, so dass die inneren gelben Blütenblätter gut zur Geltung kommen.

Die Eleganz der einfach blühenden Arten erreicht die Sorte ,Flore Pleno‘ mit ihren gefüllten Blüten allerdings nicht. Sie ist aber zweifellos eine Bereicherung des Sortiments. Hierbei handelt es sich um eine Sorte, die bereits seit 1731 bekannt ist.

Alle genannten Sorten von Galanthus nivalis gedeihen am besten unter kühlen Bedingungen im lichten Schatten und Halbschatten von Laub abwerfenden Gehölzen. Vor allem mit Blütensträuchern, die einzeln stehen oder als frei wachsende Hecken an der Gartengrenze gepflanzt wurden, lassen sich sehr schöne Aspekte schaffen. Als reizvolle Begleiter bieten sich die Winterlinge an, die zur gleichen Zeit blühen und zauberhafte Bilder entstehen lassen. Das gilt auch für den Märzbecher, der mit seinen breitglockigen, fallschirmähnlichen großen Blüten ein Pendant zum Schneeglöckchen bildet.

Wer für die nächste Saison Schneeglöckchen kaufen möchte, sollte beachten, dass die Zwiebeln möglichst bald in den Boden kommen, da sie keine feste Schale haben und rasch schrumpfen. Außerdem beginnen sie nach der Ruheperiode zeitig mit der Bildung von Wurzeln. Als Pflanztiefe sind sechs bis zehn Zentimeter optimal, der Abstand beträgt etwa 15 bis 20 Zentimeter, wobei man auch enger in Tuffs pflanzen kann. Voraussetzung für die üppige Entwicklung ist allerdings ein humusreicher, nicht zu schwerer Boden mit ausreichender Frühjahrsfeuchte, der möglichst auch kalkreich sein sollte. Leicht sauren Boden vertragen die Schneeglöckchen dann, wenn ausreichend Humus vorhanden ist. Einmal gepflanzt, entwickeln sich die Pflanzen im Laufe der Jahre zu ansehnlichen Beständen, sofern man sie „verwildern“ lässt und nicht durch ständige Säuberung des Bodens in ihrer Ausbreitung stört. Stehen sie mehrere Jahre am gleichen Standort, bilden sich aus dem Samen und den Tochterzwiebeln viele Jungpflanzen, die nach drei bis vier Jahren blühfähig sind. Das Bedecken der Fläche im Herbst mit Düngetorf und eine Gabe Volldünger im Frühjahr vor der Blüte fördern die Entwicklung wesentlich.

Sollen Schneeglöckchen einen anderen Standort erhalten, setzt man sie gleich nach dem Ende der Blütezeit um, solange das Laub noch grün ist. Dabei lassen sich die Horste leicht teilen, wodurch sich eine einfache Art der Vermehrung ergibt. Gelegentlich kommt es vor, dass Schneeglöckchen von einer Grauschimmelart befallen werden. Sie treiben im Frühjahr nur schwach oder gar nicht aus und die Sprosse sind am Grund faulig oder mit einem Pilzrasen bedeckt. In diesem Fall müssen erkrankte Pflanzen sofort einschließlich der umgebenden Erde ausgegraben und restlos vernichtet werden.

Relativ häufig wird im Handel das Großblütige Schneeglöckchen (Galanthus elwesii) angeboten. Es kommt vom Balkan bis Kleinasien wild vor und hat graugrüne Blätter, die bis drei Zentimeter breit werden und am Ende mit einer haubenartigen Spitze versehen sind. Die Blüten erscheinen bereits zwei Wochen vor denen des heimischen Schneeglöckchens und sind recht groß. Es bevorzugt sonnige Standorte, die im Sommer trocken werden können. Deshalb ist diese Art besonders gut für Steingärten oder ähnliche Plätze geeignet. Sie lässt sich mit anderen Arten, die gleiche Bedingungen benötigen, wie beispielsweise Adonisröschen (Adonis vernalis), Schneestolz (Chionodoxa luciliae), Frühblühender Traubenhyazinthe (Hyazinthella azurea) oder Milchstern (Ornithogalum umbellatum) gut kombinieren.

Schneeglöckchen unterliegen seit 1990 den Bestimmungen des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES). Damit wird vor allem beabsichtigt, die umfangreichen Ausfuhren von Schneeglöckchen zu kontrollieren, die an ihrem natürlichen Standort entnommen werden. So wird zum Beispiel schon seit Jahrzehnten Galanthus elwesii aus der südwestlichen Türkei zum Verkauf angeboten. Der Rückgang der Art in dieser Region führte schließlich dazu, dass Ende der 1990er Jahre ein staatliches Quotensystem eingeführt wurde, das den Export von Schneeglöckchen (und anderen Zwiebelgewächsen) regelt.

Bezugsquellen: Broadleigh Gardens, Bishops Hull, Taunton, Somerset, TA4, 1AE, Tel. 01823 286231, www.broadleihbulbs.co.uk; Harveys Garden Plants, Nursery - Great Green, Thurston, Bury St Edmunds, Suffolk, IP31, 3SJ, Tel. 01359 233363, www.harveysgardenplats.co.uk.

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