Zeitung Heute : Vorgeführt

Moritz Schuller

Im Saal der Eva-Lichtspiele an der Blissestraße verteilen sich ein paar Zuschauer, im Foyer sucht ein Angetrunkener nach der Karte, die er gerade erst gekauft hat. Eine abgerissene Palme steht neben kleinen Kaffeetischen, an den Wänden hängt ein Poster vom "Schuh des Manitu". Der Filmvorführer mit der Schiebermütze klettert die steile Leiter zum Vorführraum hinauf, blickt durch ein kleines Fenster noch einmal in den Saal, auf die rote, geraffte Stofftapete, auf die weißen, kelchförmigen Wandlampen und löst den Gong aus, der mit der ganzen Pracht einer DTS-Tonanlage ertönt. Der Saal verdämmert. Es ist viertel vor fünf in Wilmersdorf. In drei Stunden werden zwanzig weitere Berliner den "Herr der Ringe" gesehen haben.

Wenn am Mittwoch die Filmfestspiele am Potsdamer Platz beginnen, werden sich auch in den kleinen Laden- und Bezirkskinos wie dem Eva die Vorhänge heben. Vor ein bisschen weniger Zuschauern, wie immer während der Berlinale. Den Eva-Lichtspielen, die früher Roland-Lichtspiele hießen, macht das allerdings nicht viel aus, denn mit dem Berliner Kinosterben haben sie nichts zu tun. Das Kino, ein typisches Bezirkskino, das 1912 zum ersten Mal erwähnt wurde, und damit zu den ältesten durchgehend geführten Kinos in Berlin gehört, schreibt schwarze Zahlen. Andere überlebende Bezirkskinos sind das Intimes in Friedrichshain, das Passagen Kino in der Karl-Marx-Strasse in Neukölln sowie das Xenon in Schöneberg, das bereits 1909 eröffnet wurde. In Kreuzberg gibt es das Yorck-Kino und in Mitte das Zeughauskino im Historischen Museum sowie das Babylon, das 1928 zu Stummfilmzeiten eröffnet wurde (und in dem eine der wenigen Berliner Kino-Orgeln steht). Das Hackesche Hof Kino gibt es seit der Renovierung der Höfe.

Das Eva setzt ganz auf Modernisieren. "Wenn ein kleines Kino Multiplex-Standard hat, dann gehen die Leute nach wie vor in die Bezirkskinos", sagt die frühere Besitzerin. Namentlich will sie nicht genannt werden. Sie, die das Eva vierzig Jahre geführt hat, und wohl noch immer die Dramatik liebt, droht sogar mit einer Klage. Sie hat in den letzten Jahren in die Technik und Ausstattung investiert: Dolby DTS-Ton, Klimaanlage, Behindertenaufgänge. 1965 hatte das Eva 350 Plätze, seitdem wurden die Sitzreihen verbreitert, neue Bestuhlung eingekauft. 100 Sitze wurden dafür geopfert. Aber der Stil der fünfziger Jahre, den schon der wunderschön geschwungene Namenszug prägt, soll als Markenzeichen gepflegt werden. Seit einigen Jahren zeigen die Lichtspiele fast nur noch Premieren, mit Nachspielen ist kein Geld mehr zu verdienen. Zur Zeit hängen die Hoffnungen an Tom Cruise und "Vanilla Sky".

Im Eva wird das gesamte soziale und demographische Spektrum bedient, es werden Vorschauen angeboten, sogenannte "Sneak Previews", Kinderfilme, Schulklassen, Lange Nächte, Matinees. Kino im Bezirk ist Kärrnerarbeit. Für das ältere Publikum gibt es die Serie "Der alte deutsche Film". Veit Harlans "Kreutzersonate" von 1937 wird an jedem ersten Mittwoch im Monat gezeigt. Womöglich lief im Eva auch schon Veit Harlans Verfilmung von Richard Sorges Leben: "Verrat an Deutschland". Der Film war 1955 in die Kinos gekommen und der Versuch Harlans, aus dem Schatten, in den er sich mit "Jud Süß" gestellt hatte, herauszukommen. Sorge, Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, wendet sich enttäuscht der KPD zu, wird in die Moskauer Komintern-Zentrale gerufen und operiert als Sowjetspion in China und Japan. Mit dem deutschen Botschafter in Japan eng befreundet (und auch mit dessen Frau), erfährt Sorge von dem Angriffszeitpunkt der Deutschen auf die Sowjetunion und kabelt die sensationalle Nachricht an seine Führungsoffiziere nach Moskau durch.

"Verrat an Deutschland" war ein Misserfolg, Harlan selbst zog sich bald darauf nach Italien zurück. Auch an Sorge, den Meisterspion, dem die Sowjets aber nicht glaubten, erinnert in Berlin nicht mehr viel. Lediglich im Osten gab man der Tilsiter Straße im Friedrichshain einen neuen Namen, ein Ehrenerweis an den "Kundschafter im Dienst der sowjetischen Abwehr", wie das Straßenschild noch heute verkündet.

Zeitgleich mit Richard Sorge, der 1944 von den Japanern wegen Spionage gehenkt wurde, hatte sich die junge Herta Fenger in den Tilsiter Lichtspielen zur Filmvorführerin hochgearbeitet. Vorher war sie Platzanweiserin, dann Kassiererin. Die Preise hat sie noch immer im Kopf: Eintritt 1 Mark 5, 60 Pfennig für Kinder, am Eingang rechts ein Süßwarenstand mit Negerküssen und Nappos. Der Negerkuss kostete 25 Pfennig. "Es war fast immer voll, Sonnabend und Sonntag hatten wir Kindervorstellung. Unmittelbar um zwei Ecken gab es drei Kinos, aber trotzdem war es voll", sagt Herta Fenger, die seit 83 Jahren in dieser Straße wohnt. "Es kam drauf an, was man für einen Film gespielt hat."

Die Tilsiter Lichtspiele in der Richard-Sorge-Straße sind das, was man ein Berliner Ladenkino nennt. Unzählige gab es von ihnen seit 1900 vor allem in den Arbeiterbezirken. Der Kinosaal erstreckt sich von der Straße hinein ins Erdgeschoss, die Außenfront ist fensterlos. Wie viele frühere Ladenkinos waren die Tilsiter Lichtspiele lange zweckentfremdet: Zu DDR-Zeiten nutzte eine Bekleidungsfirma die Räume als Lager. Für immer zweckentfremdet bleiben wohl die Lupe 2, ehemals Kino am Olivaer Platz, das zu einem barocken Russenlokal geworden ist, und das Schlüter, in dem jetzt Holzmöbel verkauft werden. Die Rüdesheimer Lichtspiele dienen seit Jahren als Supermarkt ebenso wie die Rialto- und die Pamela-Lichtspiele im Wedding. Das kleine Nord in der Greifshagener Straße steht seit Herbst 2001 leer, das Rio in Weißensee ist weg, und auch das Olympia am Zoo, das im ersten Stock über einer steilen Treppe englische Originalfassungen spielte, gibt es nicht mehr. Das Union in Prenzlauer Berg ist heute eine Kinderbücherei, das Union in Köpenick, das zu seiner Rettung sogar Moderator Wolfgang Lippert gekauft hatte, ist mittlerweile auch pleite. Und auch das Jerboa am Theodor Heuss Platz gibt es schon lange nicht mehr. Das ehemalige englische Soldaten-Kino, war kurz im Gespräch als Ort für das Filmuseum. Man hat sich dann aber doch für den Potsdamer Platz entschieden. Vom Kino ist nur noch der Schriftzug übrig, in den Räumen spielt jetzt das Kabarett "Die Wühlmäuse".

Das Kant-Kino dagegen lebt schon wieder, und auch Franz Stadler hat das Filmkunst 66, sein altes Haus in der Bleibtreustraße, wieder übernommen. Und auch das Venus in Hohenschönhausen ist wieder geöffnet.

Die Tilsiter Lichtspiele hatte Eckard Stüwe bereits 1993 mit zwei Freunden übernommen und aus den heruntergekommenen Räumen wieder ein Kino gemacht. Von den 167 Plätzen, die es 1933 noch gab, sind 63 übrig geblieben, der Saal wurde halbiert. Wie beim Klick in der Charlottenburger Windscheidtstraße eröffneten die drei im Vorderraum eine Kneipe. "Ein Saal würde sich allein nicht lohnen", sagt Stüwe, der vor zwölf Jahren aus Rostock nach Berlin kam. Und eigentlich hätten die "Tilsiter Lichtspiele" längst verschwunden sein müssen: zu wenig Plätze, alte Bestuhlung, nur Mono-Sound, keine Erstaufführungen, dazu als Konkurrenten an der Landsberger Allee ein UCI-Großkino, auf der Karl-Marx-Allee das Kosmos, das CinemaxX Colosseum in der Schönhauser Allee und das Filmtheater Friedrichshain. Alles Fehler, die das "Eva" im Westen mit großem Aufwand vermieden hat. Aber die Tilsiter Lichtspiele sind ein anderes Modell. Hier finanziert die Kneipe das Kino.

Herta Fenger ist seit der Wiedereröffnung nicht wieder in den Tilsiter Lichtspielen gewesen. "Jahrelang war es zu, und jetzt gibt es neuerdings Getränke. Damals gab es nur Kino. Die müssen aber ganz schön Umsatz machen, mit den Getränken. Da wird oft Bier abgeladen." Stüwe ist sich der Schwierigkeit bewusst, das Kino für alle im Kiez offen zu halten. "Ältere Leute lassen sich von dem Programm abschrecken", sagt er. Nicht ganz verwunderlich: Zur Zeit wird "Bread and Roses", ein Sozialdrama von Ken Loach, in der Originalfassung gespielt, dazu Jean Cocteaus "Belle et la Bête". Spürt Stüwe die Berlinale an den Zuschauerzahlen? "Eigentlich nicht".

Die Kinokarte in den Tilsiter Lichtspielen kostet inzwischen 4 Euro 60 und die Süßwaren aus dem Automaten neben der Tür einen Euro. Auf der Karte stehen Wiener, Kartoffelsuppe und Soljanka, dreht man sie um, sieht man ein Foto aus dem Jahr 1938: die Mitarbeiter der Tilsiter Lichtspiele vor ihrem Kino, das Plakat hinter ihnen wirbt für "Großalarm", einen Kriminalfilm von Georg Jacoby. Eine der Personen auf dem Bild ist Herta Fenger aus der Richard-Sorge-Straße.

Im Frühjahr wird im Wedding ein weiteres Kino in neuer Form auferstehen: das Alhambra. An der Ecke Müllerstraße/Seestraße entsteht ein völlig neues Kino mit sieben Sälen, einem Restaurant, einem Bagelcafé und einer Cocktailbar. Zwei große Säle mit je 400 Plätzen, und fünf kleinere, insgesamt können 1700 Zuschauer versorgt werden. Damit baut sich die Familie Wegenstein, der das Alhambra seit drei Generationen gehört (und die auch das Kant vermieten) ein privates Multiplex. Weichen musste dem inzwischen fast fertiggestelltem Neubau jedoch einer der schönsten und größten Kinosäle aus der Nachkriegszeit. Was als Ladenkino "Apollo" begonnen hatte, wurde von Max Bischoff 1921 zu den Alhambra-Lichtspielen ausgebaut. Zur Seestraße hin wurde es mit einer expressionistischen Ornamentfassade ausgeschmückt, der Innenraum auf 900 Plätze erweitert. Hans Bielenberg, neben Bruno Meltendorf, Pierre de Bon und Gerhard Fritsche der einflussreichste Kinoarchitekt der fünfziger Jahre, besorgte 1953 zusammen mit Helmut Olk den Wiederaufbau des im Krieg fast vollständig zerstörten Kinos. Von der in rosé getünchten Eingangshalle erreichte man den Saal, der mit Holzpanelen verkleidet war. Die eleganten, fließenden Rundungen des Rangs nahm die Decke wieder auf, die Bielenberg von unten anleuchten ließ. Bis zuletzt war dort der "leicht vergilbte Charme vergangener Zeiten" zu spüren, wie eine Kritikerin schrieb. Doch wie schon das berühmte MGM am Kurfürstendamm mit seinen über tausend Plätzen, das in den siebziger Jahren einem Neubau weichen musste, war das baufällige Alhambra Opfer seiner eigenen Größe geworden. "Ein Neubau", sagt der Theaterleiter Thomas Endsbiller, "ist immer billiger." Und dann schwärmt er vom zukünftigen Gastronomiebereich, und von den "Star Trek Nights", die er einführen will.

Am Ende äußert sich auch die ehemalige Besitzerin der Eva-Lichtspiele noch zur Situation in Berlin. Das Ende des Marmorhauses, des Gloria, der Filmbühne Wien, und vielleicht bald auch des Astors - das Kinosterben am Kudamm, glaubt sie, hänge mit den Mietstrukturen zusammen und "mit Ost-West. Wenn Sie kein Geld investieren, bleiben sie auf der Strecke. Die Zeiten des plüschigen Kinos sind vorbei." Deshalb soll nun auch im Eva eine Bar eingebaut werden, die bis spät in die Nacht geöffnet ist.

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