Zeitung Heute : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über Julien Greens "Adrienne Mesurat"

Julien Greens "Adrienne Mesurat" (1927 erstmals in Paris veröffentlicht und jetzt in einer Neuübersetzung von Elisabeth Edl bei Hanser erschienen) ist einer der großen Frauen- und Mädchenromane des zwanzigsten Jahrhunderts.

Fast ausschließlich aus der Perspektive der 18-jährigen Adrienne, die wohlbehütet (ein Synonym für "eingekerkert") in einer Provinzstadt unter der Obhut des verwitweten Vaters und der viel älteren, todkranken, missgünstigen Schwester ein Schattendasein in einem bald heißen, bald regnerischen Sommer führt, erzählt Julien Greens Roman die Geschichte eines amour fou, der aber eine autistische, unerwiderte, ja von dem angebeteten, dunkelhaarigen, bleichen Arzt in der Nachbarschaft ungeahnte Leidenschaft ist: Es ist eine heftige, zerstörerische Explosion, Resultat der Unterdrückung, Einsamkeit und provinziellen Bigotterie, wo jeder Nachbar des nächsten Nachbarn Wachhund ist, Tratsch, Missgunst und eine säuerliche Moral das Klima vergiften.

Nachdem die ältliche Schwester mit Adriennes Hilfe den Demütigungen der väterlichen Tyrannei entflieht, versucht der Vater, Adrienne völlig ins häusliche Gefängnis zu sperren; in einer Auseinandersetzung fällt der "Greis" die Treppe hinunter, wo er tot liegen bleibt.

Schuldgefühle, das Misstrauen der Nachbarn, die Adrienne bedrängen und finanziell - unter dem Vorwand der Hilfe - missbrauchen, die hilflosen Versuche, sich dem Angebeteten zu nähern sowie kleine klägliche Fluchtversuche isolieren Adrienne bis zum Wahnsinn: Nur in der totalen geistigen Entrücktheit gewinnt sie wenigstens einen Zipfel ihrer wahren, tragischen Existenz.

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