Vorislamische Grabung in Saudi-Arabien : Die Grabung von Tayma: Multikulti in der Wüste

Das Deutsche Archäologische Institut erforscht seit zehn Jahren in Kooperation mit Saudi-Arabien die vorislamische Kultur der Oase Tayma.

Arnulf Hausleiter
Die Grabung von Tayma. Heute leben rund 30 000 Einwohner in dieser aufstrebenden Provinzstadt. Die Grabung ist seit zehn Jahren ein Kooperationsprojekt zwischen der saudischen Antikenverwaltung und dem Deutschen Archäologischen Institut.
Die Grabung von Tayma. Heute leben rund 30 000 Einwohner in dieser aufstrebenden Provinzstadt. Die Grabung ist seit zehn Jahren...Foto: Deutsches Archäologisches Institut, A. Hausleiter

Staubwolken, Dromedare und lautstark gestikulierende Begleiter vor einer dichten Palmenlandschaft – so könnte man sich die Ankunft einer Karawane in der Oase von Tayma vorstellen, heute 265 Kilometer südöstlich der Provinzhauptstadt von Tabuk gelegen, im Süden der Grenze zu Jordanien und westlich der großen Nefud-Wüste. Zweihundert mit Waren beladene Tragetiere zogen mit 100 Mann durch die Wüste – so jedenfalls nach einem vor 2700 Jahren am mittleren Euphrat (Irak) verfassten Keilschrifttext, einem der wenigen Originalbelege zum antiken Karawanenhandel.

Der Fernhandel des ersten vorchristlichen Jahrtausends ist das Leitmotiv für die wirtschaftliche und kulturelle Vernetzung nordwestarabischer Oasen, die sich auch in den Befunden archäologischer Ausgrabungen niederschlägt. Biblische Quellen sowie historische Zeugnisse aus Mesopotamien lösten die Erforschung der einst 9,2 Quadratkilometer großen Oase von Tayma im 19. Jahrhundert aus, die an einem der Hauptstränge des Kommunikationsnetzwerks der Arabischen Halbinsel lag, der Weihrauchstraße.

Die namhaften Oasen Nordarabiens werden heute durch internationale Forschungsteams zusammen mit der Saudi Commission for Tourism and Antiquities (SCTA) erforscht, welche die historische Bedeutung der Vernetzung Arabiens erkannt hat. In Tayma ist seit 2004 die Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts mit einem multidisziplinären Langfristvorhaben tätig, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird.

Die abgeschiedene Lage von Tayma „in der Wüste“ entspricht unter diesen Gesichtspunkten einem Klischee, und deshalb erschien es lange rätselhaft, weshalb der letzte König von Babylon, Nabû-na’id (556-539 v. Chr.) sich aufmachte, Nordwest-Arabien zu kontrollieren und in Tayma für zehn Jahre seine Residenz nahm. Inzwischen gilt als sicher, dass es die wirtschaftliche Attraktivität war, die den letzten Ausschlag zu diesem Schritt gab, der im Übrigen durch politische Probleme in der Heimatstadt des Königs befördert wurde.

Bronzewaffen aus Syrien und der Levante

Kontakte mit Nachbarregionen sind in Tayma inzwischen für das frühe zweite vorchristliche Jahrtausend nachzuweisen. Dies zeigen Funde von Bronzewaffen, die ansonsten in Syrien und der Levante heimisch sind. Zu dieser Zeit scheint die Oase einen enormen wirtschaftlichen und politischen Aufschwung genommen zu haben. Ein mehr als zehn Kilometer langes Netz von Mauern aus Sandstein und Lehmziegeln umschloss und gliederte die Siedlung, in der sich landwirtschaftliche Nutzflächen befanden, die über Kanäle aus Brunnen bewässert wurden. Die hierfür vorauszusetzende Sesshaftigkeit hatte archäobotanischen Analysen zufolge einige Jahrhunderte zuvor eingesetzt, etwa um die Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr.

In Tayma waren es trotz der zunehmenden Trockenheit Grundwasservorkommen, die günstige Voraussetzungen für die Ansiedlung von Menschen schafften. Inzwischen deutet sich an, dass bis vor etwa 8000 Jahren ein feuchteres Klima herrschte, und damit das Szenario eines wenigstens zeitweise „Grünen Arabiens“ sehr wahrscheinlich wird, das die Heimat für eine reiche Flora und Fauna bildete, von der zahlreiche Felsbildzeichnungen im ganzen Land Zeugnis ablegen.

Die „internationale“ Anbindung Taymas bei gleichzeitiger kultureller Autonomie war bis tief in das erste vorchristliche Jahrtausend eine Konstituente dieser Oase. Neuere archäometrische Untersuchungen zeigen, dass die Produktion einer bemalten Keramik der späten Bronzezeit (2. Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr.) nicht wie zuvor angenommen an einem zentralen Ort stattfand, sondern in verschiedenen Oasen, die somit individuell zur kulturellen Gemeinsamkeit in der Region beitrugen. In dieser Zeit artikuliert sich das Interesse Ägyptens in der Region durch eine Felsinschrift des Pharaos Ramses’ III. nahe Tayma. Wenig später, um 1000 v. Chr., wird ein stark ummauerter Gebäudekomplex in Tayma errichtet, der zahlreiche Objekte mit Prestigecharakter barg, die ebenfalls aus Ägypten oder der Levante stammen. Einige dieser Artefakte weisen zweifelsfrei auf eine kultische Funktion hin.

Die Berührung Arabiens mit dem assyrischen Reich wird ab dem 9. Jahrhundert v. Chr. textlich fassbar und dauert bis zum Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. Das Fehlen eindeutiger Hinweise auf assyrisches Fundmaterial entspricht insofern den Erwartungen, als die Assyrerkönige nie in die Oase gekommen sind beziehungsweise das Gebiet erobert haben (im Kontrast zu zahlreichen Provinzorten Syriens oder der Levante). Zur Herrscher- elite Nordarabiens dieser Zeit gehörten ausweislich stets assyrischer Texte weibliche Anführerinnen oder Königinnen, die wohl Tribut an Assyrien entrichteten.

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