Zeitung Heute : Vorlaute Töne aus den malerischen Weinbergen

HARTMUT SCHERZER

LYON .Der Gendarm mit dem buschigen Schnurrbart findet den Aufwand "ridicule".Lächerlich.Wie "Fort Knox" werde das "Stade Fetan" bewacht.Die Amerikaner trainieren auf dem Sportplatz im Gewerbegebiet des Städtchens Trevoux im Norden Lyons.Bis zum Spiel gegen die Deutschen am nächsten Montag, erklärt der Pressechef Jim Froslid, bleibe das Gelände geschlossen.Eine Woche lang keine Zuschauer, keine Medien.Die Auflage der FIFA, sich wenigstens an zwei Tagen zu öffnen, wurde gleich nach der Ankunft erfüllt.Eine zwei Meter hohe Hecke versperrt jeglichen Einblick.Das Gitter der Toreinfahrt ist mit einer Plane zugehängt.

Die Maßnahme erscheint schon deswegen lächerlich, weil sich niemand für die Amerikaner so recht zu interessieren scheint.Den wenigen Kindern empfiehlt der freundliche Gendarm, sich auf den Rasen zu legen und das Spiel durch die Heckenlöcher über dem Boden zu verfolgen.Die USA spielen gegen den französischen Zweitligisten FC Gueugnon.Schreie und Zurufe der Spieler, hier englisch, dort französisch, und die schrille Pfeife des Schiedrichters dringen über die Hecke.Den Spielstand vermittelt die Gendarmerie.Endergebnis 4:0."Pour les Americains, naturellement." Wie die Amerikaner gespielt haben, verrät Romain Giroud, Gueugnons 20 Jahre alter Libero: "Für einen WM-Teilnehmer sehr, sehr schwach.Die Deutschen werden die Amerikaner 6:0 abfertigen."

Aber man weiß ja, was von derlei Trainingsspielen so kurz vor dem Turnier zu halten ist."Ich ziehe es vor, meine eigenen Schlüsse zu ziehen und sie nicht anderen zu überlassen", begründet der Cheftrainer Steve Sampson die Geheimniskrämerei, wohlwissend, daß die amerikanischen Medien von dem Metier ohnehin nicht allzuviel verstehen.Abends im prachtvollen Chateau de Pizay, dem herrschaftlichen Quartier mitten in den malerischen Weinfeldern des Beaujolais, wo schon Hillary Clinton zur Weinprobe auf Besuch war, gibt Sampson dann alle Geheimnisse preis und plaudert unentwegt über die Vorteile seines 3-6-1-Systems.In einer Konferenzschaltung über das Mobiltelefon des Pressechefs hören Reporter in Paris, New York und Chikago mit.Sage keiner, die Amerikaner wären nicht medienfreundlich.Welcher Gegensatz zum abgeriegelten Trainingsgelände: Das Schloß ist eine offene Herberge.Jedermann hat Zutritt.Selbst ohne Akkreditierung.Das Pressezentrum ist in einem Turmzimmer eingerichtet.

Im Hof mit den knirschenden Kieselsteinen genießt Eric Wynalda die besondere Aufmerksamkeit des Tages.Der "Striker" (Stürmer) hat Geburtstag, ist 29 Jahre alt geworden und nach seiner Knieverletzung für 45 Minuten ins Team zurückgekehrt.Als wäre er der genesene Klinsmann, gibt sich der in der Bundesliga beim VfL Bochum und 1.FC Saarbrücken gescheiterte Profi selbstgefällig wie ein Weltstar.Ein Verband unter dem linken Knie signalisiert noch sein Handicap."Aber ich fühle mich gesund.Meine Spritzigkeit ist wieder da", diktiert er den Reportern.Sampsons System mit dem "überladenen Mittelfeld" und nur einem "Striker" gebe ihm mehr Freiheiten.

Wynalda versucht den Landsleuten klarzumachen, daß ein "Striker" nicht unbedingt nur für Tore zuständig ist."Ich bin paßgebender Stürmer und schaffe Raum für Claudio Reyna und Ernie Stewart.Ernie ist so schnell, da kommt auch kein Deutscher mit." Die Mannschaft müßte "wie auswärts in der Bundesliga spielen.Dicht machen und kontern".Er kenne die deutschen Verteidiger bestens.Der Christian (Wörns) sei sogar ein guter Freund.Mit seiner Aussage, "nie wieder Bundesliga", sei er mißverstanden worden.Eric Wynalda hat nichts gegen Deutschland, wo er in Saarbrücken und Bochum zwischen 1992 und 1995 spielte.Nur möchte er in Zukunft halt neue Erfahrungen sammeln, vielleicht in England oder Spanien, sagt er mit einem Selbstbewußtsein, als würden sich der FC Barcelona und Real Madrid um ihn reißen.Bis zum Jahresende laufe noch sein Vertrag bei San Jose Clash.

Aber der World Cup ist zunächst das Thema, und dafür macht er Amerika große Hoffnungen: "Wir sind nicht nur für drei Spiele hiergergekommen.Wenn wir die Deutschen schlagen, wäre das ein Schock für die Welt, aber keine Überraschung für uns." Es mag den Amerikanern fußballerisch an vielem mangeln, nur am "uramerikansichen Willen" (Sampson) und Selbstbewußtsein nicht.

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