Zeitung Heute : Vorsicht: Falltür

ALEXANDER BARTL

Mechtild Erpenbecks Stück im Theater am Halleschen UferALEXANDER BARTLEin Sänger steigt über die Gräben der Gefallenen, senkt seine Tonlage allenfalls um Nuancen, als beschwöre er jene, die eben noch ihren Tanz darboten.Schon recken sich Glieder aus der Tiefe, fragende Blicke betasten das Umfeld, wo Mitmenschen das gleiche Leid ertragen.Von kollektiver Amnesie befallen, taumeln zwölf Akteure von einer Lähmung in die nächste, verbreiten Geheimnisse - meist Geschichten ohne Belang.Die Regisseurin Mechtild Erpenbeck öffnete ihr jüngstes Stück "Wer bin ich und wenn ja wieviele", das jetzt im Theater am Halleschen Ufer seine Uraufführung erlebte, für Gedankensplitter, die ins Bewußtsein dringen, nachdem sie lange vergessen waren. Stefanie Bürkle ersann für ihre geistige Wiedererweckung ein raumfüllendes Holzpodest, nach hinten hin zur Schanze aufgeworfen.Falltüren erlauben die Flucht, noch öfter aber gewähren sie Zugang zur Spielfläche.Ein Mädchen mit Spitzenschuhen gibt vor, eine Tänzerin zu sein, obgleich ihre Glieder nicht parieren wollen: Allzuoft schlittert sie über die Schräge, stürzt auf die krachenden Bretter, als erfahre sie erstmals die Tücken der Gravitation.Ein alter Kamerad verkündet mit Wehmut, was ihm im Bombentrichter einst widerfuhr, und ein Geistlicher fühlt sich zu einer inbrünstigen Predigt berufen, nachdem er lange kaum Fuß vor Fuß zu setzen wagte.Obwohl alle ihre Rollen versiert ausfüllen, bleibt das Spiel plakativ.Erpenbeck hat für ihr Stück Zitate gewählt, deren groteske Reihung zwar für den Augenblick zu unterhalten vermag, letztlich aber keine übergreifenden Handlungsbögen schlägt.Sie ist aus Bibelpassagen oder Werbeslogans gefügt, alle eigenständigen Züge gehen verloren - zugunsten der Spielarten des Klischees.Die Beziehungen zwischen den Protagonisten entwickeln sich nicht, sondern verharren in der Isolation.Das Etikett "Trivialcollage" in der Unterzeile verheißt zwar nichts weiter.Wäre es doch falsche Bescheidenheit gewesen! Theater am Halleschen Ufer, bis 7.September, jeweils 21 Uhr.

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