Zeitung Heute : "Vorsicht, Freund hört elektronisch mit!"

HARTMUT WAGNER (adn)

"Vorsicht, Freund hört mit!" heißt es nach Angaben von Branchenexperten immer öfter an Computerterminals in den USA, Deutschland, Japan und anderen westlichen Industriestaaten.Der Austausch von Informationen über das Internet boomt - und mit ihm das "Abhören" dieser grenzenlosen Kommunikation durch befreundete Geheimdienste.Dabei geht es neben dem Ausspähen politischer Informationen zunehmend um staatlich betriebene Industriespionage.Wirtschaftsdaten über die Pläne des Konkurrenten seien "angesichts des sich weltweit verschärfenden Wettbewerbs wie Goldstaub", erläutert ein Insider.

Der US-Geheimdienst National Security Agency (NSA) hört "bevorzugt europäische Regierungsbehörden und Hightech-Konzerne" ab, berichtet Fachautor Peter Wollschläger in der Zeitschrift "PC Professional".Im Gegenzug soll der Bundesnachrichtendienst (BND) über geheime Computeranlagen im Raum Frankfurt am Main amerikanische Industrie-Datenbanken "hacken", behauptet dem Magazin zufolge jedenfalls die US-Bundespolizei FBI.Als besonders aggressiv gilt nach einem Bericht des in Würzburg erscheinenden Industriemagazins "MM - Maschinenmarkt" der französische Geheimdienst DSGE.Bei Japan gingen Experten sogar davon aus, daß die sprunghafte Entwicklung der Wirtschaft größtenteils "perfekter Industriespionage zu verdanken ist", konstatiert Dieter Matschke, Geschäftsführer der KDM Gesellschaft für Sicherheitsberatung mbH in Rosbach.

"Abgehört" werden E-Mails sowie über das Internet laufende Telegramme, Telefonate und Faxe, berichtet Fachautor Jörg Auf dem Hövel in der Zeitschrift "Internet World".Die Geheimdienste speichern sie und durchkämmen sie dann mit Scannern nach Stichwörtern wie "Siemens" oder "Boeing", "Forschung" oder "Kundenkartei".Andreas Pfitzmann, Verschlüsselungsexperte am Institut für Theoretische Informatik der TU Dresden, vermutet, daß so von deutscher Seite annähernd alle E-Mails kontrolliert werden, die die Grenze der Bundesrepublik überschreiten.BND-Kenner Erich Schmidt-Eenboom weiß dem Magazin zufolge von einem eigenen "Hacker"-Referat in der Abteilung Sechs des BND.

Die "Internet World" verweist darauf, daß das im August 1997 in Kraft getretene Telekommunikationsgesetz alle Netzbetreiber, Internet Provider und Mailboxen zur Bereitstellung von zwei Zugängen für staatliche Ordnungshüter verpflichtet.Eine davon diene gerichtlich angeordneten Überwachungsmaßnahmen.Die andere aber ermögliche der Nachfolgerin des Postministeriums, der Bonner Regulierungsbehörde, einen direkten Zugriff auf die Netze.Dieser müsse zudem so eingerichtet sein, daß der Betreiber des Netzes nichts von einem Eindringen der Behörde mitbekomme.Das sei "der Traum jedes Hackers", erklärte dazu der Sprecher des Chaos Computer Clubs, Andy Müller-Maguhn.

Der jährliche Gesamtschaden für deutsche Unternehmen durch Industriespionage beläuft sich nach offiziellen Schätzungen auf 15 bis 18 Milliarden Mark, berichtet "MM - Maschinenmarkt".Wieviel davon auf den Lauschangriff im Internet entfallen, wurde nicht ausgewiesen.Tatsächlich dürfte die Summe aber beträchtlich sein, zumal unabhängige Experten die offiziellen Gesamtzahlen für viel zu niedrig halten.

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