Zeitung Heute : Vorsicht, Kripo-Wurm!

Beim Download ertappt? Viele Leute kriegen E-Mails von der Polizei – gegen sie werde ein Verfahren eingeleitet

Johanna Rüdiger

Als Studentin Laura die neue E-Mail in ihrem Postfach sah, erschrak sie: „Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet“, hieß es da in der Betreffzeile. Zwar hatte ihr E-Mail-Provider die Mail schon vorsichtshalber unter „Spam-Verdacht“ gestellt, aber Laura war unsicher und öffnete die unbekannte Post. „Ermittlungsverfahren hört sich doch ernst an, das musste ich mir erst mal ansehen.“ Der Text in der E-Mail informierte sie dann, dass „das Herunterladen von Filmen, Software und MP3s illegal und somit strafbar ist“. Man habe die IP- Nummer ihres Rechners erfasst und Strafanzeige gestellt. „Nähere Auskünfte erteilt Ihnen die Kriminalpolizei Düsseldorf, Europa Sonderkommission Internet Downloads, Rufnummer….“

Laura war zwar misstrauisch, fühlte sich aber auch ertappt. Die Studentin hatte schon öfters Musik aus dem Internet heruntergeladen. „Das hat doch jeder schon mal gemacht, oder?“ Genau mit dieser Vermutung, dass jeder schon mal irgend etwas heruntergeladen hat und deshalb mit einem schlechten Gewissen kämpft, spielen die Macher des Computer-Virus „Sober C.“. Denn wer besorgt unter der angegebenen Düsseldorfer Telefonnummer anruft, der landet zwar bei der Kripo. An der Strippe hat der Anrufer aber nicht die Sonderkommission „Internet Downloads“, sondern einen genervten Polizeibeamten wie Präsidiumssprecher Gerd Splied. Täglich müssen Splied und seine Kollegen etlichen Anrufern erklären, dass es sich bei der Kripo–Mail um eine Fälschung handelt. Besonders empört es den Polizeibeamten, dass die Hacker die echte Kripo-Nummer angeben.

Der oder die Täter seien zwar noch nicht gefasst, aber „wir sind dran“, sagt Splied. Doch grade weil die E-Mail so echt konzipiert ist, ist sie auch so erfolgreich. Spätestens nach dem öffentlichen Drama um den „I-love-you“-Virus, der 2000 die Computernutzer weltweit verunsicherte, weiß jeder Internet-Anfänger, dass man nicht alles öffnen soll, was in die Mailbox flattert. Die Viren-Entwickler müssen also immer raffinierter werden, um ihre Opfer zum Anklicken der gefährlichen Post zu bewegen. Weil Viren einen enormen wirtschaftlichen Schaden anrichten können, interessiert sich auch die Bundesregierung für mögliche Sicherheitsrisiken. Michael Dickopf, Sprecher des Bundesamtes für Sicherheit der Informationstechnik ist – was die Methoden der Hacker betrifft – so einiges gewöhnt. Doch die Angabe der Telefonnummer der Düsseldorfer Kripo bezeichnet selbst der abgebrühte Viren-Fachmann als „eine Novität“.

Und die clevere Psychologie, mit der die Täter das schlechte Gewissen der Opfer missbrauchen, ist Dickopf auch neu. Dabei hat es in den letzten Jahren bei Viren und Würmern eigentlich keine neue Technik gegeben. Der „Sober.C.“-Virus ist kein besonders gefährlicher Virus. Er richtet keinen großen Schaden an, die Festplatte wird nicht zerstört. Stattdessen arbeitet der Virus nach dem Schneeballsystem, er verschickt sich selbst an alle Mail–Adressen im infizierten Programm.

Neben der Tarnung als so genannter „Kripo-Wurm“ ist „Sober.C.“ mit rund 20 anderen Begleittexten unterwegs. Ein weiteres Beispiel ist die Mitteilung, der Empfänger sei nach dem Zufallsprinzip in die Zuschauer-Jury der RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ gewählt worden. Die Kripo–Version ist aber die erfolgreichste – weil sie in ihrer Anspielung auf illegale Downloads von Musik und Filmen, ihrem Drohpotenzial sehr realistisch ist. Viele Leute wissen, wie sehr die Musikindustrie unter den Downloads leidet und auch dagegen vorgeht. „Ich habe gehört, dass Leute, die Musik aus dem Internet herunter geladen haben, rausgepickt werden und Strafgelder zahlen müssen“, sagt Virenopfer Laura. Mit diesem Gerücht liegt Laura nicht ganz richtig, sagt Hartmut Spiesecke, Sprecher des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft. „Es könnte durchaus sein, dass einer von den Raubkopierern bald einen echten Brief von der Staatsanwaltschaft bekommt, im Moment sind wir noch nicht so weit."

In den USA hat die Musikindustrie das illegale Kopieren schon strafrechtlich verfolgt, in Deutschland setzt der Verband bislang auf Aufklärung. „Wir haben eine große Informationskampagne gestartet und hoffen, dass wir die meisten Leute durch Aufklärung vom illegalen Kopieren abbringen können.“ Wenn dies nicht funktioniert, werde man strafrechtliche Schritte einleiten.

Und wie geht man gegen diesen neuen Virus vor? Trotz seiner Raffiniertheit hat es der „Sober.C.“–Virus, der kurz vor Weihnachten zum ersten Mal auftauchte, nicht unter die Top- Ten-Viren des Jahres 2003 geschafft. Neben einem aktuellen Virenschutzprogramm und einer Firewall sei der beste Schutz der gesunde Menschenverstand, sagt Antje Weber vom Virenschutz-Hersteller Symantec. „Eine Mail, deren Absender man nicht kennt, sollte man nach wie vor einfach nicht öffnen, sondern sofort löschen". Vor allem wohl, wenn sie plötzlich von der Kripo Düsseldorf kommt.

Viren-Schutz im Internet:

www.symantec.de

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