Zeitung Heute : Vorsorge aus Sorge

Schutzimpfungen gibt es schon – auch wenn das Risiko hoch ist

Ingo Bach

Israel richtet sich darauf ein, das Ziel eines Biowaffenangriffs zu werden, sobald ein Irak-Krieg ausbricht. Am wahrscheinlichsten sei eine Attacke mit Milzbrand-Sporen, sagte Ethan Rubinstein von der Universitätsklinik Tel Aviv am Freitag auf dem in Berlin tagenden Infektologenkongress. „Der Irak besaß schon 1991 Anthrax-Sporen und hat seither nicht alle vernichtet.“ Die gefährlichen Bakterien lassen sich sehr leicht großflächig verbreiten, entweder mit Raketen oder sogar indem man sie von einem Auto aus versprüht. In Tests wurde nachgewiesen, dass Anthrax auf diesem Wege bis zu 67 Kilometer weit – nur mit Hilfe des Windes – verteilt wurde. „Schon wenige Sporen reichen aus, um einen Menschen zu infizieren“, sagt Rubinstein, der als einer der weltweit führenden Biowaffen-Experten gilt. Allerdings werde es Saddam Hussein schwer fallen, die Milzbrand-Erreger überhaupt bis nach Israel zu transportieren. „Dazu benötigt er Scud-Raketen, und die meisten davon hat er zerstören müssen.“ Trotzdem würden bereits seit einem Jahr die Ärzte und Pfleger in den israelischen Krankenhäusern im Umgang mit Milzbrand geschult.

Auf Pocken vorbereitet

Das Risiko eines Pockenanschlags sei geringer als in Europa, glaubt Rubinstein. Denn die Erreger sind sehr schwer zu beherrschen. Ein Weg sei, Selbstmordattentäter mit Pocken zu infizieren und sie dann nach Israel einzuschleusen. Zwischen neun Tagen und zwei Wochen lang ist der Terrorist hoch infektiös und kann über die Atemluft oder durch Hautkontakt sehr viele Menschen anstecken. Danach ist er selbst so krank, dass er nicht mehr laufen kann.

Solche Anschläge seien in Israel aber schwer zu verüben, sagt Rubinstein. „Unsere Grenzen werden zu gut überwacht.“ Trotzdem ist Israel bei der Vorbereitung auf die Pocken weiter als Deutschland. Während man hier zu Lande davor zurückschreckt, ohne konkrete Krankheitsfälle dagegen zu impfen – das Risiko schwerer Nebenwirkungen, wie einer Hirnhautentzündung, ist zu hoch – wurden in Israel bereits 17000 Mediziner, Pflegekräfte, Militärs und Zivilschutzangehörige immunisiert. „Bis zum kommenden Winter werden es 40000 bis 50000 sein, die sich freiwillig impfen ließen“, sagt Rubinstein.

Ob der Irak über Pockenviren verfügt, ist unklar. Offiziell existieren Proben nur noch in den USA und Russland. Doch gebe es in der Region einen verwandten Stamm, der Kamele befällt. Diese Kamelpocken können dem Menschen nichts anhaben. Ob eine Gefahr von veränderten Erregern droht, ist bei Experten umstritten.

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