Zeitung Heute : Vorsorgen

Ariane Bemmer

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Es war vor zwölf Jahren, ich hatte eine Festanstellung begonnen, so dass ich einen Sparvertrag abschloss und dem Rat folgte: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Ich sparte monatlich 25 Euro und wurde elf Jahre lang in elf Briefen über den positiven Verlauf meines Sparvorhabens informiert und an den Fälligkeitstermin erinnert. Im zwölften Jahr hieß es, das Sparziel sei erreicht und ich bekäme noch einen Bonus. Dann war Stille. Der Fälligkeitstermin verging. Nichts. Ich guckte, ob automatisch etwas zurückgekommen sei. Nichts. Dann rief ich an (9 Cent/min.). Wenn sie mir das Geld überweisen sollen, müsse ich ein Konto bei ihnen eröffnen. Lieber nicht, sagte ich. Also musste ich das Geld bar holen. Unter Vorlage des Originaldokuments, das ich aus diesem Anlass noch mal stolz ansah. Zwölf Jahre lang sollte ich, las ich, monatlich 50 D-Mark einzahlen und mein Sparziel betrage 6900 D-Mark. Ich rechnete nach: Zwölf mal 50 sind 600 mal zwölf sind 7200. Ich heulte auf: Beschiss!

Am nächsten Tag knallte ich mein Originaldokument dem Filialangestellten mit rosa Hemd und Koteletten auf den Schaltertresen. „Wo ist denn da die Vorsorge?“, rief ich. Er tippte in dem Computer herum, fand aber keine Lösung. Ich bekäme ja noch den Bonus, sagte er. Aber er hatte weiter das Computerproblem, und seine Kollegen standen nur herum und unterhielten sich und unterbrachen auch nicht, als er hilfesuchend zu ihnen ging. Was für Schnösel, empörte ich mich stumm. Ist das mein Geld, oder was? Und jetzt stehe ich hier dumm rum! Der Angestellte kam zurück und tippte zunehmend verzweifelt in den Computer, führte ein paar Telefonate und fand das Problem, so dass ich nach einer Dreiviertelstunde mein Geld (etwas mehr als 7200 D-Mark) bekam. Da hatte sich schon eine lange Schlange gebildet und der Mann in Rosa war immer noch der Einzige, der bediente, die Kollegen standen immer noch herum und unterhielten sich. Das spar ich mir in Zukunft: Die Not ist weit, da spare ich lieber meine Zeit.

Geld im Strumpf vermehrt sich zwar gar nicht, ist aber schnell verfügbar.

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