Vorwahlen in den USA : First Lady, zweite Reihe

Nachdem sie in Iowa gegen Barack Obama verlor, droht Hillary Clinton nun auch bei den Vorwahlen in New Hampshire eine Niederlage. Wie geht die ehemalige First Lady mit dem Verlust ihrer Favoritenrolle um?

Christoph von Marschall[Washington]
clinton obama
Rollentausch. Hillary Clinton und Barack Obama nach einer Fernsehdebatte. -Foto: AFP

Die Konstellation, wer als Favorit und wer als Herausforderer in die nächste Etappe des US-Präsidentschaftsrennens geht, hat sich mit der Vorwahl in Iowa vor drei Tagen umgedreht, in beiden Parteien. Das zeigten die Fernsehdebatten der demokratischen und republikanischen Bewerber am Samstagabend in New Hampshire, wo am Dienstag die nächste Entscheidung über die Nominierung des jeweiligen Spitzenkandidaten ansteht.

Dank seines überragenden Sieges in Iowa ist nun der schwarze Senator von Illinois, Barack Obama, der Favorit bei den Demokraten. Das zeigte bereits die vorausgehende anderthalbstündige Diskussion der Republikaner. Sie attackierten Obama wie einen Erzfeind an all den Stellen, wo sie in früheren TV-Debatten noch Hillary Clinton angegriffen hatten: Barack Obama, hieß es jetzt, wolle die Steuern erhöhen, das Militär begrenzen und Amerika wehrlos lassen gegen neue Terrorangriffe. Diese Ehre erweist man nur dem Anführer der Gegenseite.

Auch beim nachfolgenden Streitgespräch der Demokraten wurde Obama vom Moderator wie der „Frontrunner“ behandelt. Er bekam die erste Frage, Hillary Clinton musste mit der für sie ungewohnten Rolle der Angreiferin vorliebnehmen, als „Underdog“, wie die „Washington Post“ am Sonntag boshaft anmerkte. Offenbar hatte sie gehofft, damit werde sich auch das Verhalten der übrigen Demokraten auf dem Podium verändern. Früher hatten sie mit ihrer Kritik stets auf Clinton gezielt. Bei der Frage, wer am ehesten eine Politikwende herbeiführen könne, verwies sie erneut auf ihre größere Erfahrung, acht Jahre als First Lady im Weißen Haus, dann acht Jahre als Senatorin. Sie lud John Edwards, den Drittplatzierten in den Umfragen, unüberhörbar ein, gemeinsam gegen Obama Front zu machen. Sie lobte ihn und hielt Obama vor, er habe in mehreren Fragen über die Jahre seine Position gewechselt.

Zunächst sah es danach aus, als wirke ihre Attacke. Obama ging nicht zum Gegenangriff über, sondern begründete Thema für Thema und viel zu detailliert seine Haltung. Es schien plötzlich so, als müsse er sich verteidigen. Doch Edwards sprang ihm zur Seite, nannte Hillarys Angriffe unfair. „Als sie noch führte, hat sie das nicht getan. Erst seit sie in Iowa gegen uns beide verloren hat, greift sie zu solchen Mitteln“, betonte er seinen zweiten Platz in der ersten Vorwahl. Bill Richardson, der Vierte auf dem Podium wie in den Umfragen, mahnte, die demokratische Partei solle sich nicht gegenseitig zerfleischen. Hillary stand allein gegen drei Konkurrenten.

Sie nahm sich das scheinbar zu Herzen und ging zu einer Charmeoffensive über. Als der Moderator Umfragen zitierte, wonach die Wähler ihr zwar die größere Erfahrung zubilligen, aber zugleich sagen, dass sie eine inhaltliche Wende eher Obama und Edwards zutrauen und Obama außerdem viel sympathischer finden, sagte sie mit kokettem Augenaufschlag: „Ja, ich finde ihn auch nett.“ Worauf der das Kompliment, eingeschränkt, zurückgab: „Hillary, du bist auch einigermaßen nett.“

Doch Clinton durfte die Debatte nicht dahinplätschern lassen. Sie muss am Dienstag gewinnen, also in die Offensive gehen. Kurz vor Schluss landete sie den nächsten Frontalangriff gegen Obama, bei den Plänen zu einer Krankenversicherung für alle. In Obamas Vorschlägen würden einige Gruppen ausgelassen, sagte sie. Inhaltlich parierte er die Attacke, aber es hörte sich lahm an. Der Wahlkampfmarathon, der beiden kaum Schlaf lässt, zeigte bei ihm mehr Wirkung als bei ihr. Clinton agierte zum Schluss wacher, unterstrich mit Zahlen und Details ihre Sachkompetenz. Obama sprach, je länger die Debatte dauerte, gefühlig, aber nicht sehr konkret.

Ihr Vorteil ist zugleich ihr Problem: Wenn sie wie eine Vorzeigeschülerin ihr Wissen ausbreitet, unterstreicht sie ihre Eignung für das Amt. Aber sie wirkt dann kalt. Und ihre Konkurrenten mögen sie nicht. Mit den machtbewussten Clintons haben viele Demokraten noch Rechnungen offen. In den Umfragen in New Hampshire, in denen sie lange führte, hat Obama im Schlussspurt mit ihr gleichgezogen.

Auch die Republikaner haben einen ungeliebten Pseudofavoriten in ihrer Mitte. Ihre Angriffe konzentrierten sich auf Mitt Romney, den Mormonen und Ex-Gouverneur von Massachusetts mit dreistelligem Millionenprivatvermögen. Er hatte sich vorgenommen, alle frühen Vorwahlen zu gewinnen, um sich an die Spitze zu setzen. In Iowa hat ihm Mike Huckabee, der gitarrespielende Pfarrer und Ex-Gouverneur von Arkansas, die Rechnung durchkreuzt. Er gewann die Stimmen der in Iowa zahlreichen religiösen Rechten. New Hampshire ist liberaler, Huckabee hat da keine Chance. Hier will der moderate Konservative John McCain Romney verhindern und seine Chance suchen. Huckabee und McCain spielten sich die Bälle zu, zum Nachteil Romneys. Zwischendurch betonte Rudy Giuliani, der Ex-Bürgermeister von New York, warum er die beste Garantie gegen neue Terrorangriffe sei. Er greift erst bei der Floridavorwahl am 29. Januar ins Rennen ein.

Fred Thompson, der populäre Staatsanwalt aus der Fernsehserie „Law and Order“, bemühte sich wie einst Ronald Reagan, Schauspielruhm in politische Macht umzumünzen. Und Ron Paul aus Texas, ein Kriegsgegner von rechts, der meint, die USA hätten im Irak nichts zu suchen, propagierte seine libertären Ideen, die Bundesregierung drastisch zu verkleinern und die Macht den Einzelstaaten zurückzugeben.

Schon Iowa warf Bewerber aus dem Rennen. Vier Demokraten und sechs Republikaner waren zu den beiden Debatten geladen. New Hampshire wird beide Kandidatenfelder weiter ausdünnen.

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