Zeitung Heute : Vorwiegend heiter

BORIS KEHRMANN

02.03.1997 Vorwiegend heiterMichael Schönwandt mit dem Berliner Sinfonie-Orchester Yuri Bashmet gehört einer mittleren Generation an, steht auf dem Boden der Ästhetik Schostakowitschs und verbindet auf eine unverkennbare Art extrovertierte Virtuosität mit introvertierter Glut.Diese fasznierend tiefgründige Mischung aus Unnahbarkeit und heißem Bekenntnisdrang konnte so wohl nur unter den repressiven gesellschaftlich-politischen Bedingungen in der Sowjetunion entstehen.Und sie hält Bartóks für ihn so ungewöhnlich gelöstes, pastorales Bratschenkonzert in einer geheimnisvollen Schwebe.Wie aus Lichtstrahlen webt das Berliner Sinfonie-Orchester, über weite Strecken solistisch agierend, einen Grund, über dem Bashmet das lyrische Seitenthema unendlich zart gegen das zigeunerisch feurige Hauptthema zu seinem Recht kommen läßt.Aus dem inneren Einklang der fast berührungslos nebeneinander herschwebenden Stimmen erwächst dem pausenlos durchgespielten Dreisätzer eine Verbindlichkeit, die nirgends bedrängnd wird. Mit glücklichem Griff hat Michael Schönwandt um dieses noble Kunststück einen klassisch aufgeräumten Rahmen aus Beethovens Vierter und Haydns vorvorletzter Lononer Sinfonie Hob I:102 gelegt, beide in der "heiteren" Tonart B-Dur.Ganz auf Heiterkeit auf überrumpelnde Brillanz hatte Schönwandt denn auch seinen - dankenswerter Weise einschließlich aller Wiederholungen gespielten - Beethoven gestellt: mit dem strahlenden Leonoren-Jubel des Kopfsatzes, mit der bezaubernden Grazie des trochäisch hüpfenden Adagios und dem übermutig sprudelnden Finalsatz, dessen Witz in der überraschend innehaltenden Coda kulminiert. Ob aber Beethovens langsame Einleitung wirklich schon des romantischen Streicher-Vibratos bedarf? Im Vergleich der verwandten Sinfonien wurde deutlich, daß Beethoven mit seiner Instrumentation dem modernen Instrumentarium leichter standhält als Haydn.Nicht allein läßt der schwerere Bogen die Haydnsche Behendigkeit bei allem Drive eine Spur zu grvitätisch erscheinen, macht die höhere Stimmung das vornehm zurückhaltende Menuett einen Tick zu fidel, hüllt der Nachhall der voluminösen Pauke das Geschehen in eine leich schummrige Aura ein.Problematisch wird die Balance-Verschiebung im Trio: wenn Beethoven das Fagott hören will, legt er es an exponierter Stelle frei.Haydn aber setzt es nach altem Brauch führend in einem - wenn auch vereinfachten - kontrapunktischen Satz ein, und hier kann das diskretere modernde Instrument seine Stimme kaum gegen die vorlaute moderne Oboe behaupten.Zu sehr hat sich mit dem Klang die Funktion gewandelt, als daß ein modernisierter Haydn nicht empfindliche Verluste mit sich bringen würde.BORIS KEHRMANN

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