Zeitung Heute : VW mit Vollgas in die Nische

ALFONS FRESE

Ferdinand Piëch steht mit beiden Beinen auf dem Gaspedal.Der Chef des größten Autoherstellers in Europa hat die Welt im Blick, steuert mit zunehmenden Tempo in alle Segmente der Fahrzeugmärkte und wirft das alte Image von Volkswagen über Bord.Die Übernahme von Rolls-Royce ist dabei nur der spektakuläre Auftakt einer Expansionsstrategie, mit der sich der Konzern im grenzenlosen Wettbewerb zu positionieren versucht.Bislang hatteVolkswagen die Marken VW, Audi, Seat und Skoda.Künftig will Piëch mindestens sechs Pkw- und drei Lkw-Marken steuern.Mit Rolls-Royce und Bentley hat er nun die teuersten Autos der Welt im Sortiment.Gigantomanie als unternehmerische Strategie? Wachstum und Größe um jeden Preis, wie eben bei dem milliardschweren Deal mit den Briten? Droht sich VW, der traditionelle Hersteller von Klein- und Mittelklassewagen, in den nun angepeilten Marktnischen zu verfahren?

Den Porsche-Enkel Ferdinand Piëch als ehrgeizig zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung.Der Ingenieur, in dessen Adern Benzin statt Blut fließen soll, arbeitet unbeirrt und unerbittlich an dem Ausbau des Konzerns zu einem Komplettanbieter.Kaum ein Unternehmensführer in Deutschland ist dabei so unangefochten wie der VW-Vormann.Und das aus zwei Gründen: Als Piëch Anfang 1993 die Geschäfte übernahm, hatte sich der Autohersteller gefährlich festgefahren; ein Milliardenverlust war zu verkraften.Die folgende Sanierung war hart und erfolgreich: Im vergangenen Jahr verdoppelte sich der Konzerngewinn zum dritten Mal in Folge.Neben den guten Zahlen hat sich Piëch mit seiner Personalpolitik einen Status der Unersetzlichkeit geschaffen.Unterwegs zu seinen Zielen kennt der Mann keine Gnade: Fast alle Vorstände wurden von ihm ausgewechselt und durch Vertraute ersetzt.Kritik am Steuermann ist von ihnen ebensowenig zu erwarten wie vom Aufsichtsrat, der bislang geradezu ergeben jedes Abenteuer des Vorstandsvorsitzenden billigte; zum Beispiel die sich über Jahre hinziehende López-Krise.Nun liegt die Zukunft des Konzerns im wesentlichen in der Hand eines Mannes.Nicht gerade ein beruhigender Befund für die 280 000 VW-Mitarbeiter in aller Welt.

Bis heute bestätigen die Zahlen den Kurs des Ferdinand Piëch.Das kann sich bald ändern, denn voraussichtlich kühlt die Autokonjunktur im nächsten Jahr wieder ab.Piëch weiß das, und entsprechend vorsichtig geht er vor.Trotz der zum Teil unzumutbaren Lieferfristen für Golf und Passat und demnächst für den New Beetle denkt VW nicht an eine Kapazitätserweiterung, etwa eine Beetle-Produktion in Europa.Lieber nehmen die Firmenstrategen eine Wartezeit für die Kunden von mehr als einem Jahr in Kauf, wie sie sich beim Käfer-Nachfolger abzeichnet.Das paßt zwar schlecht zu der allenthalben reklamierten Kundenorientierung - und ist dennoch richtig.Allein in Europa nämlich werden die Überkapazitäten der Autohersteller auf mindestens 2,5 Millionen Fahrzeuge veranschlagt.In diese Landschaft passen keine neuen Fabriken, zumal das Verkaufen auf dem westeuropäischen Pkw-Markt bald wieder schwierig wird.

Da keine großen Volumensteigerungen mehr möglich sind, setzt Piëch auf Bereiche, in denen VW bislang nicht präsent ist.Vom quantitativen zum qualitativen Wachstum mit einem Imageträger Rolls-Royce an der Spitze der Fahrzeugflotte.Und deshalb baut VW mit Porsche einen Geländewagen und voraussichtlich in Dresden ein Nobelauto unterhalb des Rolls-Royce; deshalb kommt im nächsten Jahr das Drei-Liter-Auto und deshalb wird das Lkw-Angebot ausgebaut.Audi übernimmt wahrscheinlich den italienischen Sportwagenhersteller Lamborghini und Skoda soll Limousinen für osteuropäische Regierungen bauen.

Auf dem weltweiten Fusionskarussel will Piëch das Tempo mitbestimmen.Gleichzeitig bemüht er sich, seine eigene Prognose Wirklichkeit werden zu lassen.In 20 Jahren sieht er nur noch General Motors, Ford, Toyota, Honda und DaimlerChrysler als selbständige Autohersteller agieren.Und selbstverständlich VW.Ganz abwegig ist das nicht.VW hat soviel Geld in der Kasse, daß jetzt die nötigen Akquisitionen und Kooperationen für das nächste Jahrhundert möglich sind.Ferdinand Piëch darf sich beim Einkaufen nur nicht vergreifen.

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