Zeitung Heute : Wachsender Sprengstoff durch schlechte Startchancen

Namhafte Wissenschaftler haben von der nächsten Bundesregierung ein "Bündnis für Ausbildung" gefordert.Das traditionelle Lehrstellensystem sei in einer grundlegenden Krise, sagte der Leiter des Deutschen Jugendinstituts, Ingo Richter, der dpa in Bonn.Selbst eine Konjunkturbelebung und sinkende Bewerberzahlen in der Zukunft würden das Problem fehlender Ausbildungsplätze und der Jugendarbeitslosigkeit nicht lösen.

Die bisherigen Mittel, Appelle und Anstrengungen reichten nicht mehr aus.Ein Bündnis für Ausbildung, an dem sich Bund, Länder, Gemeinden und die Sozialpartner beteiligten, müsse die dringenden Probleme angehen und die Ausbildungen modernisieren.So sollten die "festgefügten Ausbildungsgänge" flexibler und beispielsweise mit Zusatzqualifikationen ergänzt werden, heißt es in dem Memorandum, in dem die Wissenschaftler ihre Vorstellungen zusammengefaßt haben.Mitgearbeitet haben neben Richter auch der Bildungsforscher Andreas Flitner und der frühere Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Dieter Wunder.

Kenntnisse und abgeschlossene Lernabschnitte sollten künftig durch Zertifikate bescheinigt werden."Die Verschiedenheit der Begabungen und Ausbildungsschicksale, aber auch die Entstehung immer neuer Anforderungen machen ein flexibleres System erforderlich", heißt es weiter.Alle Ausbildungen müßten daraufhin überprüft werden, wie gut sie auf den Arbeitsmarkt vorbereiten.Reine "Warteschleifen" für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz dürfe es nicht mehr geben.Für mehr Lehrstellen sollen auch mehr schulische Ausbildungen angeboten werden, die aber mehr betriebliche Praxis bekommen.Eine Ausbildungsumlage verlangen die Forscher nicht.

Die Betriebe forderte Richter auf, wieder über den eigenen Bedarf hinaus auszubilden."Ausbildung gehört zur Unternehmenskultur und zur Sicherung des Fachkräftebedarfs." Vor allem Service-Zentren, Zeitarbeitsfirmen, "Turnschuhunternehmen" oder Firmen von Ausländern, die bisher kaum ausbildeten, sollten dies künftig tun.Ausbildungszusagen müßten in alle Tarifverträge aufgenommen werden.

Der Wissenschaftler warnte vor wachsendem sozialem Sprengstoff durch mangelnde Perspektiven für Jugendliche mit schlechten Startchancen.Ausbildungsabbrecher oder Jugendliche ohne Ausbildungsplatz müßten eine zweite Chance erhalten.Dies betreffe heute in Deutschland jedes Jahr zehn bis 20 Prozent der Jugendlichen.Sie hätten ohne Ausbildung kaum noch Perspektiven, da einfache Arbeitsplätze in großem Umfang wegfallen.Deutschland habe sich zudem auf dem EU-Beschäftigungsgipfel dazu verpflichtet, jedem Jugendlichen nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit Beschäftigung anzubieten. Tsp / dpa

Das Memorandum kann kostenlos bei der Freudenberg Stiftung, Freudenbergstraße 2, 69469 Weinheim, t 06 201 / 174 98 bestellt werden.

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